Die sogenannte Bassschwäche der Druckgradientenempfänger, wie sie in der Literatur vielfach nachzulesen ist, ist unbestritten, ebenso wie andere vorhandene Nachteile von Druckgradientenempfängern gegenüber Druckempfängern.
Allerdings arbeiten wir in der Beschallungstechnik zu 99% in mehrfacher Hinsicht in einem Anwendungssonderfall ( Multimikrofonie + Nahmikrofonie + hohe Quellenlautstärke + nahe regenerative Quelle = Lautsprecher ), der so von den Autoren wenig Berücksichtigung findet.
Völlig klar, dass hier der richtungsabhängige Naheitseffekt für die Basswiedergabe und die Ausblendung entfernterer Quellen eine viel größere Rolle spielt, als die in der Regel aus einem Recording-Umfeld stammenden Autoren das gewichten.
Spannend finde ich an dieser Diskussion weniger das fachliche, als ein unter Akademikerkollegen immer wieder anzutreffendes Phänomen, das ich mal als die Schwierigkeit angehäuftes Wissen in die praktische Anwendung zu überführen, bezeichne.
Klassischerweise werden hierbei vernünftige Kriterien über Bord geworfen, wenn eine Eigenbeobachtung die jeweilige Wissensverknüpfung = Interptetation unterstützt, auch wenn wissenschaftliches Vorgehen das Ergebnis ad absurdum führen würde. Klassisches Beipiel ist der Arzt, der einen unsinnigen Therapieansatz mit einer Selbsterfahrung belegt. Der schmeist in der Regel alle Vernunft über Bord und findet niemals die Fehler in seinem "Selbstversuch", weil die Wertigkeit der eigenen Unversehertheit als Wahrhaftigkeitsbeweiß interpretiert wird, was natürlich kompletter Nonsens ist. Die Medizin hat daher in den letzten Jahren, natürlich nicht nur aus diesem Grund, die 'evidence based medicine' hervorgebracht, die die Wissensfehlinterpretationen von einzelnen Medizinern vor allem in der Therapie, also in der Praxis verhindern soll.
Die Verknüpfung von Physikstudium + Interesse an Mikrofontechnik + Eigenerfahrung "Kugelmikrofon vor Bassamp" als repetitive Einzelbeobachtung ist danach definitiv nicht evidenzbasiert.
Da in der "Anwendungspraxis Beschallungstechnik" praktisch keine Vorgehensweise Ergebnis randomisierter, kontrollierter Studien sowie Metaanalysen derselben ist, ist die interessante Frage eben die, was unser bester Krückstock statt dessen ist.
Für mich ist ein Forum, in dem erfahrene Leute eine Unmenge von Beobachtungen aus sehr unterschiedlichen Umgebungen zusammentragen und zu ähnlichen Ergebnissen kommen, eine Krücke, mit der ich sehr gut leben kann, wenn es nicht um Leben und Tod geht. Auf jeden Fall ist die Qualität dessen, was die hier gescholtenen professionellen an Erfahrung einbringen, wenn ich die mit Wissen verifizieren kann, wertiger als Einzelbeobachtungen.