Ein schönes Thema!
Wenn auch eine Stammtisch-Diskussion, aber es ist schon erschreckend, wie der Threadstarter richtig festgestellt hat!
Aber Null-Bock Jugend? Die Theorie gab es schon vor Jahren!
Nur: Wo kommen denn die Probleme her?
Einiges wurde schon angesprochen, wie immer ist es nicht DAS Problem, sondern viele Komponenten.
Was ist denn wichtig für heranwachsende Jugendliche?
Familie, Schule, soz. Umfeld, gesellschaftliche Werte?
Die klassische Familie gibt es immer seltener.
Oft gehen beide Eltern arbeiten, dank "flexiblerer" Öffnungszeiten teils bis in die Nacht. Für die Kinder nach der Schule sind die Eltern gar nicht erreichbar. Oder die Eltern sind getrennt bzw. geschieden, haben inzwischen einen anderen Partner o.ä.
Familiärer Rückhalt fehlt oft, gemeinsam Mittagessen oder gemeinsam Hausaufgaben, gar ein Frühstück vor oder für die Schule ist oft schon selten, so daß Kinder schon früh auf sich alleine gestellt sind und der Freundeskreis zur Ersatz-Familie wird.
Wer soll da die Kinder erziehen, wer bei den Hausaufgaben helfen, wer Werte vermitteln?
Schule Auch wenn diese schon 10 Jahre her ist:
Ich kann als Abiturient und Erdkunde-LKler zwar Entwicklungsprobleme in Süd-Ost-Timbukta diskutieren, aber die Hauptstädte der dt. Bundesländer würden schwierig. Ich habe Kurvendiskussionen und Ableitungen gemacht - Bruchrechnung hingegen musste man mir im Studium nochmal vermitteln.
Wo bleibt da die Allgemeinbildung?
Achja: Eigentlich war ich in Rechtschreibung immer top - nur nach der 3ten Reform weiss ich inzwischen auch bei einigen Wörtern nicht mehr was richtig oder falsch ist ...
Und Lehrer als Vorbildfunktion?
Ich kam zu Schulzeiten regelmäßig zu spät. Meist aber noch rechtzeitig vorm Lehrer.
Ob "wir" Hausaufgaben gemacht haben oder nicht, hat auch nur selten jemanden ernsthaft interessiert.
Wie es gar an Hauptschulen aussieht frag ich da besser erst gar nicht ...
Einige Lehrer waren regelmäßig krank. Stunden fielen aus, wurden nicht vertreten oder wenn, dann wurden irgendwelche sinnlosen Spielchen o.ä. gemacht. Natürlich gab es frei wegen Lehrerausflug, Konferenzen und Elternsprechtagen.
Ist das der richtige Einstieg für die immer höher werdenden Anforderung im Berufsalltag?
Es stimmt, der Druck wird immer größer. Die Aufgaben im späteren Joballtag werden immer komplexer, die Technik immer schnelllebiger, der Konkurrenzdruck immer größer.
Und dieser Alltag bleibt in der Schule aussen vor. Oder hat irgendjemand was für den gemeinen Alltag in der Schule gelernt? Wie eine richtige Mahlzeit aussieht? Welche Versicherungen man braucht, an wen man sich bei den Behörden mit welchen Fragen wenden kann, wie man (Handy-) Verträge oder gar den späteren Job ordnungsgemäß kündigt? Welche Rechte und Pflichte man in unserem Sozialstaat hat?
soziales Umfeld?
Als ich in die Grundschule kam hatten wir ein ausländisches Kind, daß erst gar keine Deutsch sprach, in der Klasse. Laut einer bekannten Grundschullehrerin ist das schon vor rd. 15 Jahren auf teils 30-60% angewachsen. Ein türkischer, aber hier lebende VT-Kollege sagte mal so schön: "Mein Kind lernt zu Hause erst türkisch - deutsch lernt es dann automatisch in der Schule"
Grundschulen sind erstmal damit beschäftigt Kinder "schulbereit" zu machen, anstatt mit dem eigentlichen Unterricht voranzuschreiten.
Daß Kinder, die Deutsch sprechen, erstmal auf der Strecke bleiben und sich langweilen, ist verständlich. Das die gleichen Kinder die unvollständige Sprache der Mitschüler (s. o., Kanakendeutsch) dann übernehmen auch.
Aber Integrationsprobleme haben wir ja nicht in Deutschland ...
Zum Elternabend kommen hingegen mit Glück 5 von 30 Eltern.
In der DDR waren solche Abende wenigstens noch (mehr oder weniger) verpflichtend ...
Das behütete Zuhaus ist wie schon oben angesprochen immer seltener. Überspitzt: Entweder sind die Eltern nie da, weil sie arbeiten müssen; oder sind Hartz IV Empfänger, und hängen den ganzen Tag ohne Perspektive zu Hause rum.
Auch dazu gab es im Stern (oder Spiegel?) mal einen schönen Artikel. Sinngemäß die neue Armut: Die neue Playstation steht im Wohnzimmer, Internet-PC, Fernseher, DVD und Co. ist alles da, aber soziale Wärme und ein warmes Mittagessen fehlen.
Stattdessen der McDonaldsbesuch von der Sozialhilfe als wöchentliches Familien-Highlite.
Und die Eltern sind verwundert wenn der 5jährige Sohn auf dem Schulhof Pornos "nachspielt" - nur weil die Kassetten zu Hause vor den Kindern laufen.
Wo blieben da die Vorbilder? wo die Perspektiven?
Bei den rappenden Musik-Stars von MTV?
Im Freundeskreis wo jemand gerade eine neue coole Jacke oder ein neues Handy abgezogen hat?
Wo die neuesten Klingeltöne oder die aktuellen Soaps scheinbar das Wichtigste sind?
Wo bleibt der Respekt oder die Höflichkeit?
Respekt vor Lehrern oder "Obrigkeiten" gibt es doch immer seltener.
Nun, auch das kommt nicht von ungefähr:
Die Lehrer kommen selbst regelmäßig zu spät, sind nicht vorbereitet oder zeigen selbst Null-Bock-Stimmung.
Die Polizei fährt selbst -ohne Grund- zu schnell durch den Ort.
Der Objektschutz in Uniform hängt rauchend mit der anderen Hand in der Tasche vorm Gerichtstor.
Sehen so Vorbilder aus, vor denen man als Jugendlicher Respekt hat?
Und ja: Bildung läßt sich nicht per Gesetz oder Richtlinie vermitteln. Aber "wir" alle dienen der nächsten Generation als Vorbild - ob gewollt oder nicht.