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Technische vs. musikalische Dynamik

  • Mix4Munich
  • 22. September 2010 um 17:42
  • Mix4Munich
    Beiträge
    788
    • 22. September 2010 um 17:42
    • #1

    Hallo zusammen,

    ich hatte eine Anfrage, in der es darum ging, dass viele Leute live keinen Kompressor einsetzen wollen. Das habe ich zum Anlass genommen, mich mal ein wenig über das Thema Dynamik zu verbreiten. Vielleicht ist es für Euch ja interessant.

    "Warum gerade viele technisch unerfahrene Leute live den Kompressor ablehnen? Wahrscheinlich wegen des Mythos von der Dynamik. "Live muss es dynamisch klingen!" Ja, ganz meine Meinung. Nur gibt es einen Unterschied zwischen technischer und musikalischer Dynamik. Der Sänger SOLL ruhig flüstern und brüllen (bzw. der Musiker das Equivalent dazu auf seinem Instrument veranstalten), also die volle Dynamik nutzen. Das ist die musikalische Dynamik, und die wollen wir ja auch alle hören.

    OHNE Kompressor nun ist es wahrscheinlich so, dass das Flüstern im Rauschen der Anlage oder im Gemurmel des Publikums untergeht, während die (wenigen) Lautstärkespitzen die Anlage zum Zerren bringen oder sogar beschädigen können.

    MIT Kompressor werden die Flüsterpassagen auf ein hörbares Level angehoben, und Pegelspitzen werden sanft und unhörbar eingebremst, so dass die Anlage sie noch sauber übertragen kann. Laut und leise unterscheidet sich ja nicht nur im Pegel, sondern vor allem auch in der Obertonstruktur. Beispiel: Ein Flüstern, auch sehr laut ("brüllend laut") verstärkt, ist und bleibt ein Flüstern. Ein echtes Brüllen klingt aggressiver, weil obertonreicher, und wird immer von einem laut gemachten Flüstern zu unterscheiden sein. Ein guter Kompressor dämpft nur den technischen Pegel des Gebrülls und erhält dessen Obertonstruktur. Voila, echtes Gebrüll, nur eben etwas leiser.

    Das Gehör unterscheidet Brüllen und Flüstern (und alle Zwischenstufen, auch bei Instrumenten) nicht nur nach dem Pegel, sondern vor allem auch anhand der Obertonstruktur. Und daher darf man technisch ruhig komprimieren und dafür musikalisch/künstlerisch die volle Dynamik geben.

    My 2 cents :D "

    Viele Grüße
    Jo

    Mix4Munich
    Johannes Komarek
    http://www.mix4munich.de

  • erik
    Beiträge
    1.408
    • 22. September 2010 um 22:33
    • #2

    technisch unerfahrene Menschen auf der Bühne oder hinterm Pult? Ich würde behaupten die auf der Bühne merken es garnicht wirklich, da wird (zumindest bei mir) nicht danach gefragt ob der Künstler das will, ich setze das ein wie ich denke dass die Kunst am besten rüberkommt. Und wenn man richtig gute Sänger auf der Bühne hat dann braucht man oft garkeinen Kompressor, da die sehr gut mit Mikrofonabstand arbeiten können, das ist eine wahre Freude wenn man zur Abwechslung auch mal solche Leute auf der Bühne haben darf.

  • jogi
    Beiträge
    497
    • 22. September 2010 um 23:34
    • #3
    Zitat von "Mix4Munich"

    OHNE Kompressor nun ist es wahrscheinlich so, dass das Flüstern im Rauschen der Anlage oder im Gemurmel des Publikums untergeht, während die (wenigen) Lautstärkespitzen die Anlage zum Zerren bringen oder sogar beschädigen können.


    Hast du eigentlich nur mit schlechten Musikern/Sängern und schlechten Anlagen (rauschen/zerren) zu tun?
    Bei guten Musikern mit guten Arrangements und einer Anlage mit genügend Headroom benutze ich sehr selten einen Kompressor, ein bischen Platzmachen im Mix für die einzelnen Instrumente reicht da meistens.
    Man muß den Loudness-War nicht unbedingt auch live nachmachen

    Lautsprecher, Hörner und Treiber zu verkaufen

  • erik
    Beiträge
    1.408
    • 22. September 2010 um 23:41
    • #4

    Ich behaupte mal frech dass ich trotz teils recht heftigem Kompressoreinsatz Live einen DR von 15-20dB habe, das hat mit Loudnesswar nichts zu tun. Totkomprimieren muss man natürlich auch nicht, es sei denn man muss Tanzmusik für die älteren Herrschaften machen, die sich nebenher unterhalten wollen, also hoher Umgebungslärm und geringer erlaubter Pegel. Verdammt geringer SNR, da hilft totkomprimieren oft weiter um die Lieder "erkennbar" zu machen. Wird natürlich nach Möglichkeit vermieden^^

  • treibsand
    Verifiziert
    Reaktionen
    1.559
    Beiträge
    9.424
    Marktplatz Einträge
    1
    • 23. September 2010 um 00:34
    • #5

    wenn ich live einen Kompri brauche, um flüstern hörbar und Brüllen unverzerrt zu machen, dann stimmt was mit dem Mix nicht... :wink: Da liegen ~70dB dazwischen, wie tot wollt ihr komprimieren???

    Irgendwofür muss es doch auch Mischermänner geben, und genau da sehe ih meinen Job: den Mix offen gestalten, dass sich Vocals auch so prägnant durchsetzen - oder je nach Musik, die Vocals auch mittig in den Sound platzieren.
    Der Kompressor ist nur als Feinsttuninghilfe und ich rechne immer damit, dass ein zusätzliches Gerät ungemach maht, kaputt ist oder fehlt.
    Daher mein Tipp zu Komprtessoreinsätzen: ein entschiedenes vielleicht...

    ...hauptberuflicher Sarkastiker.

  • Mix4Munich
    Beiträge
    788
    • 23. September 2010 um 10:26
    • #6
    Zitat von "Erik"

    technisch unerfahrene Menschen auf der Bühne oder hinterm Pult? ...

    In dem konkreten Fall Menschen auf der Bühne, die technisch unerfahren sind.


    Zitat von "jogi"

    Hast du eigentlich nur mit schlechten Musikern/Sängern und schlechten Anlagen (rauschen/zerren) zu tun?
    Bei guten Musikern mit guten Arrangements und einer Anlage mit genügend Headroom benutze ich sehr selten einen Kompressor, ein bischen Platzmachen im Mix für die einzelnen Instrumente reicht da meistens.
    Man muß den Loudness-War nicht unbedingt auch live nachmachen

    Oh, mitnichten. Gerade letztes Wochenende habe ich bei einem Gig über eine wunderbare PA gemischt, die von Vollprofis zusammengestellt und aufgebaut wurde. Und im Moment habe ich einen zweiwöchigen Gig für einen Künstler auf einer After-Wies'n-Party, auch da steht feinstes Zeug. Aber beim Fragesteller ging es darum, gegen ein unbestimmtes Bauchgefühl von technisch unerfahrenen Musikern anzudiskutieren und das ganze über ein passives PA-System zu schicken, ohne abgestimmte Limiter. Diese Anlage KANN man kaputt schreien.

    Mag gut sein, dass meine Analogien für erfahrene Musiker / Techniker holprig rüberkommen.

    Und Loudness-War? Nein, ich bremse die Signalspitzen der dynamischsten und energiereichsten Instrumente wie Gesang, Bass, Bassdrum nur ein wenig ein, nicht mehr als 3, maximal 6 dB. Es klingt immer noch dynamisch, ist aber kontrolliert und schont die PA.


    Zitat von "treibsand"

    wenn ich live einen Kompri brauche, um flüstern hörbar und Brüllen unverzerrt zu machen, dann stimmt was mit dem Mix nicht... :wink: Da liegen ~70dB dazwischen, wie tot wollt ihr komprimieren???
    ...
    Der Kompressor ist nur als Feinsttuninghilfe und ich rechne immer damit, dass ein zusätzliches Gerät ungemach maht, kaputt ist oder fehlt.
    Daher mein Tipp zu Komprtessoreinsätzen: ein entschiedenes vielleicht...


    Wie oben gesagt, ich selbst komrimiere lieber dezent und nicht zu Tode. Möglicherweise war die Analogie überspitzt.
    Aus meinem entschiedenen "Vielleicht" zum Kompressor ist vor rund drei Jahren ein absolutes "Jawoll!" geworden, als ich einen Berliner Gitarristen und Sänger in München auf seiner Akustiktour abmischte. Wir machten den Soundcheck für Drums, Kontrabass, Flügel, Akustikgitarre und Gesang ohne Kompressor, alles wunderbar, alles passte. Beim Gig dann der zusätzliche Adrenalinschub, und der Gesang stach etwas zu stark hervor. Also haben wir in der Pause einen dezent eingestellten Kompressor eingeschleift, 3 dB Reduktion der Signalspitzen, und alles war super.


    Viele Grüße
    Jo

    Mix4Munich
    Johannes Komarek
    http://www.mix4munich.de

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