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Kuriose Mischpult-Antiquität

  • Mechwerkandi
  • 31. August 2009 um 16:17
  • Mechwerkandi
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    • 31. August 2009 um 16:17
    • #1

    Kürzlich geriet ich beim Stöbern an eine ebay-Auktion für eine altes Mischpult. Weil mir das Design irgendwie bekannt vorkam und die Auktion mitten in der Nacht auslief, hab' ich aus Spass mal 5,- drauf geboten und den Zuschlag erhalten.

    Mit der Post kam dann das:

    Fachleute erkennen das Gerät sofort als Dynacord SM 600, allein die Aufschrift auf der Frontplatte:
    "HECKER, Fabrik moderner Musikanlagen, Paderborn" wollte nicht so recht in's Bild passen.

    Die restliche Ausführung des Gerätes ist wiederum "astrein" Dynacord, allerdings ohne jeden weiteren Hinweis auf den Hersteller.

    Ich hab' dann ein paar Bilder gemacht und nach Straubing geschickt, vielleicht nimmt sich dort ja jemand der Sache an.
    Zwei Tage später hatte ich ein längeres Telefon-Gespräch mit einem Kundendienstmitarbeiter dort, der etwas Licht in die Angelegenheit bringen konnte.
    Das Mischpult ist tatsächlich ein Dynacord SM 600, was sich anhand der Typ-Nr. im Inneren des Gerätes einwandfrei nachvollziehen liess.
    Die Firma aus Paderborn muss seinerzeit die Original-Mischpulte zerlegt, die Frontplatte neu bedruckt und alle äusseren Hinweise auf die Herkunft gelöscht haben.
    Die Intention dafür liegt allerdings etwas im Dunkeln, denn einerseits ist das eine recht aufwändige Montagearbeit und das damals übliche Siebdruckverfahren selbst für eine Kleinserie an Frontplatten nicht gerade billig, andererseits man wohl eine Art von "corporate Identity" vorweggenommen hat oder nehmen wollte.

    Eine Firma Hecker in Paderborn gibt es heute noch, allerdings setzt man sich dort inzwischen mit Geldspielautomaten auseinander.
    Das "getarnte" SM 600 ist leider in einem desolaten Zustand, irgendwann muss mal Cola in das Gerät gelaufen sein und hat den Innereien ziemlich zugesetzt.

  • Insomnia
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    • 1. September 2009 um 11:27
    • #2

    Hallo Andi,

    ich kenn das Umlabeln von öffentlichen Ausschreibungen.
    Da wurde dann explicit das Gerät xy von z.b. der Firma Hecker gefordert, wenn Du als konkurrent das Orginal, in Deinem Fall Dynacord angeboten hast warst Du sofort drausen aus dem Ausschreibungsverfahren.
    Ich hatte vor Jahren das "Vergnügen" mit solchen Ausschreibungen im Bereich Elektroakustik, da lies sich die öffentliche Hand nicht mal durch abziehen der aufgeklebten Labels und zeigen der Orginalbezeichnung überzeugen.

    Vielleicht wurde früher wirklich noch so ein Aufwand mit neuer Frontplatte getrieben?

    Ich hab dann beschlossen, daß das nicht meine Freunde werden und die Finger davon gelassen.

    Gruß
    Insomnia

  • Mechwerkandi
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    • 1. September 2009 um 12:08
    • #3

    Äusserst interessanter Aspekt!

    Es ist durchaus denkbar, das so ein Ding mal seinen Weg über eine "öffentliche" Ausschreibung gefunden hat, evtl. im Sinne einer Festinstallation.
    Der Aufwand für das Neu-Bedrucken der Frontplatte war damals durchaus nicht ohne, ich hab' mich mal mit einem Fachmann über das Thema auseinandergesetzt.
    Allein die Erstellung der Siebdruckmaske war vor ~ 40 Jahren noch ein erheblicher Aufwand, abgesehen von der Arbeit für das Bedrucken in Kleinserie.

  • ollihamburg
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    • 3. September 2009 um 02:45
    • #4

    Werte Kollegen,
    es stellt sich die Frage ob das Umlabeln mit Einverständnis / wissen vom Hersteller (in diesem Fall Dynacord) geschehen ist.
    In den 90er Jahren hat z.b. TARM umgelabelte DAUB-Endstufen verbaut.
    Damals wurde die Frontplatte gewechselt und als gravierte Version
    mit TARM-Label verkauft und verbaut.
    TARM hat auch PULSAR-Touchpanel umgelabelt.
    Stiers / München als auch AHA / Köln haben umgelabelte MODE-Electronics Geräte verkauft.
    Weiterhin gibt es ja noch die Möglichkeit sich OEM-Geräte zu beschaffen,
    bzw bei größerer Stückzahl direkt fertigen zu lassen.
    So kann man bei den Hersteller der für Phonic und Yamaha fertigt
    (die EQ-s) OEM bestellen.
    Das Innenleben ist gleich, es werden zum Teil
    die Positionen der Bedienelemente auf der Frontplatte versetzt
    oder andere Knopf-formen verwendet.
    Technische Daten bleiben unverändert.

    kollegiale Grüße

    ollihamburg

  • Mechwerkandi
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    • 3. September 2009 um 08:20
    • #5

    Dynacord selber wusste nach eigener Auskunft nichts von der Geschichte.
    Das Problem dabei ist natürlich auch, das über einen Zeitraum von ~ 40 Jahren man kaum noch jemanden findet, der zu solchen Abläufen verbindlich Auskunft geben könnte.

    Das lässt sich dann nur insoweit nachvollziehen, wie der Service temporär Unterlagen hortet.
    Einen Schaltplan gab's noch, und die Nummernkreise der Teile-Nummern existieren auch noch. Die Flachbahnregler z.B hat es aber schon lange nicht mehr, Austauschtypen gibt es wg. der etwas merkwürdigen Abmessungen keine. Der Hersteller der Regler macht heute ganz was anderes, eine Sonderanfertigung bringt 5.000 - 10.000 Stück mit sich.

    Ich werd' das Ding auch mit Sicherheit nicht in die Vitrine stellen, sondern eher als "Kuriosität der Geschichte" zeitnah aussondern.

  • Mechwerkandi
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    • 15. September 2009 um 11:19
    • #6

    Sooo, es hat sich dann über die Zeit doch noch etwas an Erkenntnissen zugetragen:

    Es gab einen Kontakt zu einem Mitarbeiter im Hause Dynacord, der dort so etwas wie ein "Firmenmuseum" betreut.
    Aus der Richtung kam die Aussage, das damals relativ oft aus Richtung der Geschäftsleitung irgendwelche Sonderanfertigungen in die seinerzeit noch sehr handwerklich geprägte Produktion eingebracht wurden.

    Heute würde man so was vielleicht "OEM" nennen, im weitesten Sinne, früher hat man anders darüber nachgedacht. Das wurde auch nicht als Sonderanfertigung verstanden, sondern als ganz normaler Kundendienst. Der hat dann halt beim Chef angerufen, ich brauch mal das und das, und dann haben die das gefertigt.
    Der Mitarbeiter erinnerte sich noch an Tableaus mit Freiluft-Verdrahtung und Dynacord-Logo, die nie irgendeinen Anspruch an eine Serienfertigung hatten.

    Es gibt natürlich (leider) nach so langer Zeit keinerlei Möglichkeiten mehr, diese Abläufe zu verifizieren, aber ich halte das vor dem Hintergrund für hoch wahrscheinlich.

  • buzz
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    • 17. September 2009 um 07:26
    • #7

    Kurzes Off-Topic-Halbwissen zu Dynacord:

    Der (oder einer der) Besitzer der Firma Dynacord besass auch lange Zeit ein Bergrestaurant mit "Vergnügungspark" in den Bayerischen Alpen. Dort gab es bergeweise abenteuerlichstes Material mit Dynacord-Logo. Von einfachen "Mediensteuerungen", über "wetterfeste" Lautsprecher (in Zarges-Boxen hineingewastelt) bis hin zu Lichtsteuerungen und einem kleinen Tonstudio mit Bausatz-Mischpult und mit riesiegem Archiv, in dem man sich (neben den üblichen arbeiten eines Tonstudios) auch gegen wenig Geld Musikassetten mit Wunschtiteln bespielen lassen konnte...

    Alle Geräte erweckten den Anschein, einer handwerklichen Kleinstserienproduktion zu entstammen...
    Ein Gespräch mit dem "Wirt", der sich mir seinerzeit als Inhaber der Herstellerfirma vorstellte, ergab, dass er wohl die Alm als "Versuchslabor" für Neuentwicklungen nebenutzt. Welche der vorgefundenen Kuriositäten (bzw. Erkenntnisse aus den Versuchsaufbauten) dann später den Weg in eine richtige Serienproduktion gefunden haben, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis...


    Gruß aus Nürnberg,

    buzz

    Hier geht's weiter...

  • Mechwerkandi
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    • 17. September 2009 um 08:42
    • #8

    Pinternagel hat er gehiessen, der Chef, meine ich...
    Steht jedenfalls so auf dem Schaltplan von meinem SME 500.

    Bemerkenswert fand ich zumindest den Einsatz der Firma in dem Zusammenhang. Zuerst hatte ich da eine Sekretärin zu fassen, die wusste aber nicht recht was damit anzufangen und ist erst mal damit losgelaufen, jemanden finden, der Auskunft geben kann.

  • mringhoff
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    • 24. September 2009 um 12:55
    • #9
    Zitat von "Mechwerkandi"


    Allein die Erstellung der Siebdruckmaske war vor ~ 40 Jahren noch ein erheblicher Aufwand, abgesehen von der Arbeit für das Bedrucken in Kleinserie.


    Aber auch das Erstellen eines Elektrogeräts war früher ja auch wesentlich mehr Arbeit, vielleicht war das Frontplattentauschen in Relation dazu dann doch wieder nicht so aufwändig...

    Aktuelle Gebrauchtgeräte: hier klicken

  • Mechwerkandi
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    7.712
    • 24. September 2009 um 16:00
    • #10

    Inzwischen erhielt ich dankenswerter Weise noch eine Zuschrift eines ehemaligen Dynacord-Praktikanten.
    Diese ganzen Sonder-Anfertigungen sind damals tatsächlich noch im Hause gefertigt worden.
    Und diesen "Vergnügungspark" auf der Alm hat's tatsächlich gegeben, der Wirt war allerdings nicht der Chef von Dynacord, sondern von Echolette, Herr Bauer.
    Weil die beiden allerdings quasi nebeneinander gewohnt haben, werden sie die Arbeit wohl schwerpunktmässig im Hause herumgetragen haben... :wink:

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