So, wie hierschon angekündigt ein Bericht über eine Show mit dem VI6.
Dieser Test ist, um es gleich zu sagen, natürlich stark subjektiv und erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit . Auch ist er nicht unbedingt als "Production Partner" Test gedacht, bezahlt hat mich auch keiner dafür. Ich werde aber Auszüge daraus der Veranstaltungsfirma M.A.X und dem Soundcraft Vertrieb zur Verfügung stellen.
Vielleicht noch ein paar Info´s zu den Begleitumständen.
Zu meiner Person: Ich stamme ursprünglich eher aus der Studioecke (aha...), bin die letzten 10 Jahre aber auch mehr und mehr ins Livemischen "hineingerutscht" (soso). Aus diesem Grund habe ich auch ein gutes Verhältnis zu digitalen Systemen und arbeite im Zweifelsfall lieber auf einem Digitalpult als analog. Ich arbeite als Freelancer, viel für SWR3 in Baden-Baden(Radio naja ..), und bin ausserdem seit 3 Jahren technischer Leiter & Dozent an der Popakademie in Mannheim, zuständig für Studio & Livetechnik, ausserdem gebe ich kommerzielle Technikschulungen & Seminare (... Schleichwerbung ...).
Erfahrungen habe ich mit der kompletten Yamaha Palette (PM1D/PM5D/M7CL,DM2000) und mit dem Digidesign Venue, Digico D5 und Innovason habe ich mir angeschaut, aber bis jetzt noch keine Show gemischt.
Zum Event: Einmal im Jahr veranstaltet die Popakademie ihr Abschlusskonzert, das schon immer lang war und von Jahr zu Jahr noch monströser wird. Dem Konzert gehen 4 Tage Prüfungen voraus, in den die Bands einer Jury vorspielen, das ist Teil der Semesterabschlußprüfung. Die Jury wählt dann in der Nacht vor dem Konzert die Bands & Titel aus, die auf dem Konzert spielen, d.H. eine Running Order gibt es am Morgen des Konzertes. Ich habe natürlich alle Bandrider schon vorher, um das Konzert selber wenigstens halbwegs zu planen.
Am Abend selber spielen ca. 20 Bands, jede zwischen 1-3 Songs. Es gibt quasi keine Umbauzeiten, die Backline steht komplett auf der Bühne und wird nur noch wenig umgebaut. Das Ganze ist ein kleiner Marathon und geht wirklich Schlag auf Schlag, dieses Jahr betrug die längste Umbauzeit 2.15 min, die Meisten unter einer Minute. Es gibt 5 Backliner und 2 Stagemanager, um das Ganze am laufen zu halten, trotzdem ist es natürlich immer sehr stressig und hektisch, trotz aller Vorplanung.
Zur Location: Dieses Jahr fand die Veranstaltung im Capitolstatt, einem Club in Mannheim, der ursprünglich mal ein altes Kino war. Das Capitol ist eine sehr schöne Location mit einem ganz eigenen Charme, mit einer grossen Empore mit roten Plüschsesseln. Allerdings ist die Akustik etwas schwierig, im Bass/Lowmid Bereich verschwimmt es schnell, und es gibt durch die hohe Kuppel seltsame Echos, viele Leute hier im Forum werden es kennen ...;-))
Betreut wird die Technik im Capitol von der Firma M.A.X. Veranstaltungstechnik, als Anlage haben wir die Hausanlage benutzt, die aus 5x VRX Tops pro Seite und 2x 2x18 JBL Subs pro Seite besteht. Amping sind Crown iTechs.
Als ich mitbekam, das M.A.X. seit neustem ein Soundcraft VI6 besitzt kam bei der Planung die Idee, das Pult für diesen Event zu benutzen, und zwar aus folgenden Gründen:
- Erstens war ich natürlich gespannt wie sich das Pult schlägt, und ich probiere immer gerne Neues aus.
- Bin ich inzwischen oft schneller auf Digitalpulten als analog, und fühle mich hier auch wohler. Ausserdem war es so möglich, sich ein paar "Specials" wie eine dazwischengeschobene Preisverleihung für Liveclubs in Baden-Würtemberg vorzuprogrammieren.
- Gab es mit dem VI6 und seiner eingebauten MADI Karte die Möglichkeit, relativ unproblematisch die ganze Show auf 32 Spuren mitzuschneiden, da der entsprechende Powermac mit RME MADI-Karte in der Popakademie vorhanden ist.
Eine Woche vor der Show bin ich, nachdem die allgemeine Vorplanung abgeschlossen war und ich alle Bandrider zusammen hatte, zu M.A.X. ins Lager gefahren, um mir das Pult für die Show vorzuprogrammieren. Leider ist die Offline-Software noch nicht verfügbar, hier sollte Soundcraft wirklich Gas geben, weil das imho einer der grossen Vorteile eines Digitalpultes ist, das ich das Pult in Ruhe zuhause auf dem Sofa vorbereiten kann und so eine Menge Zeit auf dem Job spare. Die die sich dafür interessieren können sich die FOH Pultbelegung hier als Exel-File herunterladen.
Mike Haymann, der Chef vom M.A.X. , gab mir ca. eine Stunde einen grundlegenden Überblick über das Pult, dann habe ich mich selber hineingewühlt. Allererster Eindruck: Sieht geil aus !!! ...
... Klingt jetzt etwas platt, aber das Auge mischt doch schließlich mit ... und es macht einfach Spaß, an dem Pult zu stehen. Durch die vielen Screens und beleuchteten Regler braucht man hier wirklich keine Pultlampen mehr. Ich habe erst einmal die Kanäle beschriftet (sechs Buchstaben, sehr schön), Phantomspeisung, Panning, Low Cut Filter, Phase Reverse etc. gesetzt, die Effekte eingerichtet und die ganzen Routings für das Recording eingerichtet. Dabei musste ich nur ein mal ins Manual schauen, ansonsten erklärt sich das Pult ziemlich von selbst, allerdings muss man erst einmal die grundliegende Bedienung verstanden haben. Es ist doch vieles anders als bei den mir vertrauten Yamaha Pulten.
Das Soundcraft VI6 verfolgt eine andere Philosophie. Während man z.B. beim PM5D einen Kanal selektiert, hat man alle Regler des Kanals vor sich, sieht aber nur DIESEN Kanal. Beim VI6 sieht man die grundlegenden Einstellungen ALLER Kanäle, muss nach dem selektieren aber einen weiteren Bedienschritt gehen, um sich EQ/Kompressoren etc. auf die Regler zu holen.
Es gibt schon einige Tricks & Kniffe, um den Zugriff zu beschleunigen, z.B. einen Fast Assign Modus, mit dem man sehr schnell an die Auxe für z.B. Effekte kommt, und der auch eine Aux to Fader Funktion bietet, allerdings merkt man bei der Bedienung, das einige Dinge, die man bei anderen Pulten schon gewöhnt ist, vor allem frei belegbare Taster für direkten Zugriff auf Pultparameter/Seiten, noch nicht implementiert sind und so einige Taster schlicht noch nicht funktionieren.
Auch hier sollte Soundcraft schnell weitere Updates zur Verfügung stellen, da dadurch die Bedienung doch um einiges erleichtert und beschleunigt wird. Es ist z.B. im Augenblick ziemlich umständlich, an die Tap-Taste eines Delays zu kommen.Was die Bedienung allerdings wieder beschleunigt, sind die sehr guten Touch Screens, die um einiges besser mit meinen Fingern zusammenspielen als der eines M7CL. Es lässt sich mit ihnen wirklich hervorragend arbeiten, auch die allgemeine Darstellung ist gut gemacht und übersichtlich.
Was allgemein auffällt, ist das das VI6, ähnlich dem M7CL, mit relativ wenig Untermenüs auskommt und so den eher "analogen" Technikern entgegenkommt, weil man sich nicht so in den Weiten der Untermenüs verstricken kann wie z.B. beim PM1D.
So aber nun mal ans Eingemachte, wie klingt das Pult denn nun? Im Lager konnte ich nur ein wenig mit CD checken, Kompressoren & Gates klingen unauffällig, und es ist sehr schwer den Kompressor richtig ins Pumpen zu bekommen, der EQ gefällt mir sofort sehr gut !!! Mal sehen, ob das sich Live auch bestätigt. Die eingebauten BSS 31-Bänder klingen ebenfalls unauffällig aber gut, die Bedienung ist durch die komplette Benutzung aller Fader einfacher als die 8-Kanäle Umschalterei bei Yamaha. Die Effekte klingen wie ein gutes Lexicon FX halt klingt ... das einzige, was sich nicht 100% darstellen ließ war so ein schöner kaputter 990´er Gated Reverb ... ![]()
Eine Woche später ... Showtime. Aufbau gestaltet sich einfach, auch wenn hier das Case mal wieder mehr wiegt als das Pult. Da die FOH "Nische" im Capitol sehr schmal ist, fällt sehr positiv auf das das VI6 selber nicht sehr tief ist, um die Touchscreens gut bedienen zu können, ich habe selten so entspannt an einem Pult geschraubt, man muss sich ausser ein wenig nach links & rechts kaum bewegen und kann viel im Sitzen arbeiten. Ich arbeite bis jetzt zwar lieber im Stehen, aber wer weiss wann einem alten Sack wie mir die Stunde schlägt ... auf jeden Fall Ergonomie 1a.
Aufbau/Mikrofonierung/Linecheck ... Soundcheck. Nach ein paar Drumkanälen fange ich mich an zu entspannen, ich bin kaum langsamer als z.B. an einem PM5D, und trotz der schwierigen Akustik im Capitol gefällt mir was ich höre ... der EQ greift sehr gut, kleine Änderungen wirken sofort und im Bassbereich klingt es sehr schön straff, die Bassdrum fängt spät an zu "dröhnen", was in Locations wie dem Capitol wirklich wichtig ist. Trotzdem bin ich froh das ich einen SPL Transient Designer im Insert habe, was übrigens ohne Probleme geht, man kann sich im Pult eine Insert "Library" anlegen und das Outboard fest am Local Rack stecken lassen, und dann z.B. direkt "SPL1" in den Kanal zu inserten. Ausser dem SPL habe ich nur noch einen TC Finalizer als Drum&Bass Summenkompressor angeschlossen, alles andere läuft intern.
Verglichen mit einem PM5RH klingt das Pult was die Vorstufen angeht etwas sauberer, das PM ist etwas "wuchtiger", was mir sehr gut gefallen hat ist das es nie spitz klingt, sondern immer relativ weich, gerade bei ordentlichen Lautstärken sehr schön.
Spätestens bei den Vocalkanälen spielen auch die Kompressoren richtig auf, diese gefallen mir um einiges besser als die Yamaha´s, ich kann heftigst komprimieren ohne das man es hört, im Mainvocal-Kanal geht das bis zu 20 dB Gainreduction (Beatbox etc.), ohne das man irgendein unangenehmes Pumpen hört. Allerdings ist die "Auto Make-Up" Funktion mit Vorsicht zu geniessen, hier gibt das Pult imho doch etwas zuviel Gas ... ;-))
Die Show geht los, und die Hektik auch ... jede Band spielt höchstens 10-15 Minuten, dann ist es schon wieder vorbei, Soul, Rap, Grunge, Etno, Hardrock .... alles geboten. Ich muss natürlich etwas mehr nachdenken als an gewohnten Pulten, aber mit der Zeit werde ich sicherer, und komme auch besser mit der Akustik im Capitol zurecht. Gottseidank ist die Bude auch gerappelt voll.
Da man sich jeden Achterblock über den zentralen Touchscreen schnell auf die rechte Faderbank holen kann, komme ich auch ganz gut mit der Verwaltung des voll belegten Pultes zurecht. Pegelmässig bin noch nicht am Anschlag, fahre das Pult aber schon ziemlich "heiss", was ja gerade hier im Forum immer wieder kontrovers diskutiert wird .. ich habe keine Klangverschlechterung/interen Übersteuerung etc. gehört. Beim Mixen gefällt mir der EQ immer besser, es macht wirklich Spaß damit zu arbeiten, weil die Klangregelung wirklich gut greift und immer genau das tut was ich erwarte ... auch die Kompressoren machen immer noch genau was sie tun sollen und retten mir bei der chaotischen Show so manches Mal den Allerwertesten, wenn jemand auf einmal 200% gibt und man nicht rechtzeitig den Regler in der Hand hat ... ;-))
Die Anbindung an den Recordingrechner klappt ebenfalls sehr gut, 2 Glasfaser MADI Kabel und gut. Da es die RME Karte wohl auch bald für Laptops gibt natürlich eine faszinierend einfache Sache, bis zu 64 Spuren mitzuschneiden.
UND? Ich kann nur empfehlen, sich das VI6 selber mal anzusehen, ich denke, wenn Soundcraft noch ein wenig die Ecken & Kanten abschleift (Master EQ lässt sich nicht linken / noch keine definierbaren Buttons etc.) sollte das Pult auf jeden Fall eine Konkurrenz zu PM5D & Konsorten darstellen. Vielen Mischern wird die Bedienoberfläche mit der besseren Übersicht entgegen kommen, und im Gegensatz zu A&H iLive und EAW UMX96 scheint das Soundcraft ja auch langsam wirklich in der Praxis aufzutauchen. Ich war auf jeden Fall sehr angetan, und freue mich auf die nächste Veranstaltung mit dem Pult.
Und ... habe ich es schon erwähnt ...egal .... es sieht echt richtig geil aus !!!!! Was meinte mein Stagemanager "na Thiel, da haste dir ja ne richtig ordentliche Schwanzverlängerung bestellt ...."