Hallo Frank,
die in Deinem Link angegebenen Messungen (6,5"/1" 1th. order vs. 4th. order) zeigen das Verhalten, wie es sich aus der gewöhnlichen Filtertheorie zwangsläufig ergibt und wie ich es auch beschrieben habe.
Die Messungen scheinen mir aber für die Interpretation äußerst unpraktisch dargestellt, hier hat jemand das Rad neu erfunden und verkauft einen ur-uralten Hut. Als seriös würde ich die Website letztlich nicht bezeichnen, weil die gezogenen Schlüsse:
"Die eng nebeneinander liegenden Linien zeigen eine 6dB/Okt und eine 24dB/Okt Weiche. Die Frequenzgänge sind relativ ähnlich und zur Erkennung von Klangunterschieden kaum geeignet. Trotzdem sind beide Lautsprecher vollkommen unterschiedlich, wie die 3D
Step-Response Messungen zeigen. Ebenso gibt es auch starke Klangunterschiede."
sehr irreführend formuliert sind. Die Klangunterschiede gehen ja, gesicherten Erkenntnissen der Psychoakustik folgend, nicht auf das andere "Impuls", "Phasen", "Wellenfront" -Verhalten der beiden Filtervarianten zurück, sondern auf ein anderes Abstrahlverhalten, Verzerrungen, Partialschwingungen usw. aufgrund schlicht und einfach mangelhafter Trennwirkung eines 6dB-Filters, sowie vielleicht der oft besseren elektrischen Bedämpfung der Lautsprecher bei passiven Filternetzwerken geringer Filterordnungen (-> Problem läßt sich allerdings durch Aktivlautsprecher perfekt lösen).
Ich versuche es daher nochmal ganz einfach zu erklären: Ein Filter 4. Ordnung (24dB/8va) dreht die Phase um 360°, ein Filter 2. Ordnung (12dB/8va) um 180°, 1. Ordnung (6dB/8va) 90°, 8. Ordnung (48dB/8va) 720° usw. usw.
Es ist dabei VÖLLIG GLEICH, ob es sich um ein akustisches (z.B. Baßreflexabstimmung als HP 24dB/8va, roll-off eines Tieftöners zu hohen Frequenzen, .....) oder elektrisches (z.B. elektrischer HP 24dB/8va) Filter handelt.
Und wenn ein Lautsprecher eine Beule im Amplitudenfrequenzgang hat, dann schwingt er entsprechend verzögert ein, genau wie es das (akustische) Bandpaßfilter vorgibt.
Nochmal eine andere Darstellung: Hier sieht man die Gruppenlaufzeit (die Integration des Phasenfrequenzganges über die Zeit) eines Lautsprechers:
http://www.klein-hummel.de/produkte/o400/…en/O400-del.jpg
Das System (Dreiwege-Lautsprecher) besitzt einige Filter 4. Ordnung. Einen Hochpaß und einen Tiefpaß mid-high bei 3,5kHz, einen Hochpaß und einen Tiefpaß low-mid bei 450Hz und einen Hochpaß (konventionelle Reflexabstimmung) bei 45Hz.
360° Phasendrehung bei 3,5kHz entsprechen 1/3500Hz = 0,29ms Zeitverzögerung. Wenn Du ganz scharf hinschaust, wirst Du es im Diagramm sehen.
360° Phasendrehung bei 450Hz entsprechen 1/450Hz = 2,2ms.
Diese Verzögerung ist im Diagramm um 450Hz schon deutlich zu sehen.
360° Phasendrehung bei 45Hz entsprechen 1/45Hz = 22ms. Diese Laufzeitverzögerung ist überdeutlich zu sehen.
Jetzt befragen wir die Psychoakustik: Was hört man davon? Da antwortet die Psychoakustik: Nur das Filter bei 45Hz liegt oberhalb der Hörschwelle.
Man könnte eine andere Darstellung wählen, nämlich die des Phasenfrequenzganges selber, d.h nicht über die Zeit integriert (die Aussagen sind equivalent).
Dort sehen dann alle besprochenen Filter auf dem Papier völlig gleich aus, ein jedes (3,5kHz, 450Hz, 45Hz) dreht die Phase um 360°, Zusammen dann um 3*360°, also 1080°) - so wird es wohl auch bei "dynamic measurement" dargestellt, wenn ich es jetzt richtig in Erinnerung habe. Das sieht "schlimm" aus, aber hören tut man´s eben nicht immer ![]()
Versuch diese einfachen Zusammenhänge zu überdenken, ohne diese und eine zugehörige psychoakustisch gesicherte Deutung ist es aus meiner Sicht sinnfrei, Lautsprecher bauen zu wollen.
Gruß
Andreas