Zitat... Vermeidungsstrategien, da man den Raum in der Regel nicht ändern kann:
- richtige Mikrofonauswahl, also u.U. Typen, die den Naheffekt kompensieren ...
Das ist meiner Meinung nach in Bezug auf die Rückkopplungsproblematik nicht konsequent zu Ende gedacht.
Wenn ich für eine 'lineare' Übertragung 6 oder 12 dB Naheffekt am Kanal – EQ kompensieren "muss" bedeutet das nichts anderes, als dass ich in diesem (im Livebetrieb wg. Raumresonanzen und schlechten Lautsprecherrichtcharakteristiken nicht selten entscheidenden) Frequenzbereich 6 oder 12 dB GbF quasi gratis dazu bekomme. Es sei denn, das Resonanzproblem ist nicht in der Übertragungsstrecke begründet, sondern in den Eigenschaften der Quelle selbst; das ist dann aber wieder ein ganz anderes Thema.
In unserer gängigen Praxis der Extremnahmikrofonierung bei gleichzeitig hohen Verstärkungsfaktoren und ungünstigen Raumakustiken kann der Naheffekt (klangliche Aspekte außeracht gelassen) durchaus eine wichtige 'Bank' sein!
Offenbar besteht ein gewisser Konsens in der Auffassung, dass gutes Livemischen (gut im Sinne von möglichst konstant zumindest annehmbare Ergebnisse abliefern) in der Praxis zu vielleicht 10% mit kreativer Arbeit an der Kunst zu tun hat. Und zu 90% mit kreativer Arbeit an den Widrigkeiten der Umstände: miesen Akustiken, miesen Live - Arrangements, unzureichender Technik, Zeitmangel, Tagesformschwankungen der Künstler, usw. usw. Nebenbei ist das übrigens weitgehend Ligen – unabhängig; das Abmischen eines Haufens unzweifelhaft angetrunkener, lustlos aneinander vorbei dudelnder Ex – Rockstars kann in halliger Arenaakustik genau so wenig Spaß machen wie im dröhnigen, quadratischen, halbleeren 500er Betonclub. :wink:
Ein Aspekt fehlt da m. E. bisher noch: nicht nur Künstler/ Musiker haben Formschwankungen, sondern auch ganz normale Menschen. Wie z.B. Livetonler. Jeder von uns.
Ich habe am selben Ort, mit der selben Technik und der selben Band (und vom selben Startfile aus :lol: ) durchaus schon mal einen Abend lang ein brilliantes Ergebnis abgeliefert. Und am anderen Abend ein, ähm, ausgesprochen weniger brilliantes. Und ich erlebe Tage, da kann ich problemlos und unbeeindruckt stundenlang am Stück einen lärmigen Programmpunkt nach dem anderen sauber abarbeiten – aber auch solche, an denen mir Lautstärke, Akustik, Programm, Publikum, sonstige Stressfaktoren bereits nach einer halben oder dreiviertel Stunde dergestalt auf die Nerven (und damit eben auch aufs subjektive Hörempfinden!) gehen, dass korrekte oder gar musikalische Mischarbeit dann kaum noch bzw. nur noch unter bewusster Zuhilfenahme von Erfahrungswerten möglich ist.
Wenn also EQ – Einstellungen u. ä. nach einiger Zeit (oder z.B. auf Tour nach einigen Tagen) immer extremer von der Nullinie bzw. von gewohnten Erfahrungswerten abzuweichen beginnen lohnt es sich zumindest in Erwägung zu ziehen, dass die Ursachen dafür nicht unbedingt nur in den bösen Umständen vor Ort zu suchen sein müssen, sondern durchaus auch etwas mit den Schwächen des ganz persönlichen Wahrnehmungsapparates zu tun haben könnten.
Eine gute Übung in diesem Zusammenhang: sich während laufender Show mal (mit der Maßgabe möglichst wenig zu ändern) für ein paar Minuten von einem Kollegen vertreten lassen. Klo, Kaffee, 200m durch die Nachtluft spazieren. Danach zurück in die Halle - um dort mit ungläubigem Erstaunen festzustellen, was man da in der letzten Stunde akustisch so alles angerichtet hat.
Mit freundlichem Gruß
BillBo