Werte Kollegen,
schon seit einiger Zeit bemühen sich VPLT, DThG und Vertreter anderer Interessengruppen in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Berufliche Bildung um eine Umgestaltung und Neuordnung der Prüfung zum Meister für Veranstaltungstechnik. Besonders der ubiquitäre Florian von Hofen kämpft mit großem Engagement und unerschütterlichem Selbstvertrauen für eine Abschaffung der Fachrichtungen, ein Zurückfahren der zu prüfenden fachlichen Anforderungen und eine allgemeine Aufweichung der Inhalte.
Die geplanten Inhalte der kommenden Prüfungsordnung findet man zum Beispiel hier.
Als einer, der beide Seiten der Weiterbildung mit Eifer betrachtet (lernend und lehrend bzw. prüfend), drängen sich mir im Moment die folgenden Gedanken auf.
Die Erfahrung zeigt, daß immer weniger Meisteraspiranten, die sich zur Prüfung stellen, bei objektiver Betrachtung den Anforderungen der zur Zeit geltenden Prüfungsordnung standhalten. Dies dürfte in meinen Augen größtenteils dem Umstand geschuldet sein, daß einerseits die Popularisierung dieser Weiterbildung zu einem Hervorsprießen unterschiedlichster Bildungsträger geführt hat, die um ein begrenztes Kontingent an Kunden buhlen und durch immer kürzere und damit billigere Kurse versuchen, uninformierte Techniker, die "den Schein" haben wollen, zu werben; andererseits wird in der Öffentlichkeit der Eindruck vermittelt, daß die Zulassungsvoraussetzungen zur Meisterprüfung nicht mehr als ein lästiges bürokratisches Hindernis sind, die man mit dem ein oder anderen Gefälligkeitszeugnis von Kollegen und einer kreativen Auslegung des eigenen Lebenslaufes elegant umschippern kann. Die zulassenden Prüfungsausschüsse bzw. IHKen hingegen haben natürlich kein Interesse dran, auch nur einen Bewerber abzuweisen, da ja einerseits die Vorgabe der derzeitigen Politik ist, daß sich jedermann möglichst schnell und barrierefrei fortbilden können soll, und andererseits auch der Erfolg (und die Finanzierung) der IHKen an den durchgeführten Maßnahmen gemessen wird.
So werden denn zur Zeit Menschen zum Meister für Veranstaltungstechnik geprüft, die weder einen vollständigen Satz schreiben noch einfachste Rechenaufgaben bewältigen können; es nennen sich andere Beleuchtungsmeister, nachweislich ohne jemals in ihrem Leben auch nur einmal irgend einen Scheinwerfer angefasst zu haben; und wieder andere haben in "Technischer Kommunikation" ihre Zeit damit verbracht, Bilder zu malen.
Was sind die Erwartungen an einen Meister? Der Meister soll die Gewerke koordinieren können, soll Fachkräfte führen und Auszubildende anleiten; dabei stets einen fachlich fundierten Überblick über die Tätigkeiten haben, permanent die Situation auf mögliche Gefährdungen der Mitarbeiter und des Publikums abprüfen und sich stets im Rahmen der anzuwendenden gesetzlichen Regeln und Verordnungen bewegen. Daß er dabei auch noch ein Auge für die künstlerischen bzw. inhaltlichen Anforderungen der Veranstaltung haben soll, versteht sich von selbst.
Dies erfordert neben einem wachen Geist vor allem fundiertes Fachwissen; weiterhin die Fähigkeit, dieses anzuwenden; das Vermögen, die Fakten sinnvoll in Verbindung zu bringen und schließlich die Kompetenz, die so getroffenen, hoffentlich sachlich und rechtlich einwandfreien Maßnahmen kommunizieren zu können und ihre Durchführung zu überwachen.
Prinzipiell soll die neue Prüfungsordnung dies gewährleisten. Doch wie wird die Umsetzung aussehen? Mit Einführung der neuen Prüfungsordnung soll die Ausbildung der Meister "breiter" angelegt werden - doch der gesunde Menschenverstand sagt, daß bei gegebenen zeitlichen Grenzen der Ausbildung eine Verbreiterung automatisch zu einer "Verflachung" führen wird. In der Prüfung dann soll kein Faktenwissen mehr abgeprüft werden, sondern eine situative Aufgabe gestellt werden, die unter Zuhilfenahme aller gewünschten Hilfsmittel gelöst werden soll.
Führt das zu Meistern, die auf der Baustelle, auf der Bühne beim kleinsten Problem ohne Laptop mit Internetzugang und eine mittelgroße Handbibliothek handlungsunfähig sind? Der kommende Meister soll alles wissen - auch die Führung von Spezialisten setzt voraus, daß man zumindest in Grundzügen deren Tätigkeit nachvollziehen kann -, aber wie soll das funktionieren, wenn mangels Zeit (als Resultat aus dem Wettbewerb der Bildungsträger) nicht alles gelehrt und auch nicht geprüft werden kann?
Ich war schon immer ein Verfechter der Meinung, daß für unseren Beruf auf keinen Fall Fachidioten mit überhohem Tellerrand geeignet sind, und auch, daß man wirklich nicht alles wissen muss, wenn man weiß, wo es geschrieben steht. Doch ich stehe dazu, daß man als Meister über ein Rüstzeug, ein "Toolcase" mit Fertigkeiten und Wissen verfügen muss, mit dem man das Tagesgeschäft (und z. B. auch die Fragen der Azubis) bewältigen kann, ohne permanent auf informationelle Krücken angewiesen zu sein.
In diesem Sinne hoffe ich
- daß auch in Zukunft die fachliche und allgemeine Bildung nicht ganz aussterben wird, auch wenn sie demnächst noch weniger prüfungsrelevant sein wird als jetzt;
- daß in Zukunft sich der eine oder andere vor dem Antrag auf Zulassung zur Meisterprüfung vielleicht doch mal selbstkritisch und ehrlich die Frage stellt, ob er denn wirklich "Meistermaterial" ist (und nicht, ob er irgendwie die Zulassung und dann die Prüfung schaffen kann);
- daß die Prüfungsausschüsse (auch) in Zukunft nicht mit Gewalt auf möglichst gute Quoten prüfen, um noch mehr "Kundschaft" anzuziehen, sondern sich bei jedem einzelnen Kandidaten überlegen, ob er wirklich fachlich und persönlich für diese verantwortungsvolle Aufgabe geeignet ist;
- daß der "Meister für Veranstaltungstechnik" sich nicht noch inflationärer und weiter zur Lachnummer entwickelt (Meister sind Häuptlinge und nicht Indianer, und es liegt in der Natur der Sache, daß jeder Stamm nur einen Häuptling hat...);
- und schließlich, daß jeder Kollege (jetzt und in Zukunft) die Verleihung der Urkunde nicht als das Ende, sondern als Beginn eines Lern- und Prüfungsprozesses sieht, der nie endet, aber für das "Meister sein" wichtiger ist als alle Kurse und Urkunden an der Wand.
Zitat von "Yoda"Ready are you? What know you of ready? For eight hundred years have I trained Jedi. My own counsel will I keep on who is to be trained. A Jedi must have the deepest commitment, the most serious mind. This one a long time have I watched. All his life has he looked away... to the future, to the horizon. Never his mind on where he was. Hmm? What he was doing. Hmph. Adventure. Heh. Excitement. Heh. A Jedi craves not these things.
In diesem Sinne - und nix für Ungut...
Mit freundlichen Grüßen
Tobias Zw.
Postscriptum: Prof. Dr. med. habil. Horst Geyer definiert in seinem Werk "Über die Dummheit":
ZitatDummheit: die mangelhafte Fähigkeit, aus Wahrnehmungen richtige Schlüsse zu ziehen. Dieser Mangel beruht teilweise auf Unkenntnis von Tatsachen, die zur Bildung eines Urteils erforderlich sind, teils auf mangelhafter Schulung des Geistes oder auch auf einer gewissen Trägheit und Schwerfälligkeit des Auffassungsvermögens.