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Beiträge von billbo

  • Versteigerung der Firma Stagepoint / Kassel

    • billbo
    • 14. Oktober 2005 um 11:36

    ... Trotzdem ist es schon traurig, wenn eine Company ihr Licht aushaucht, das vielleicht jahrelang wie das olympische Feuer aufrecht zu erhalten versucht wurde.

    Schönes Bild. Die Kunst ist es wahrscheinlich, rechtzeitig zu erkennen, wann man die Fackel besser weiterreichen sollte. Oder jemanden zu finden, der sie einem hinterherträgt.

    Auch mit dem (Musikalien-) Händler hast Du Recht. Den hat’s noch schwerer getroffen; allerdings ist das Geschäftsmodel „etwas kaufen und teurer wieder verkaufen“ auch mittels Internet ziemlich einfach auszuhebeln.
    Wir dagegen verkaufen eine Dienstleistung, und dazu bringen wir eben unter anderem auch unser Werkzeug mit. Da ist es immerhin einfacher möglich, durch persönliche Leistung zu überzeugen. Wenn der Kunde den Eindruck erhält, dass die stimmt (erstens: Preis okay, zweitens: kein Ärger), kommt er auch wieder.

    In einem anderen Punkt liegst Du, glaube ich, falsch. Selbstbau war früher mal, aber aus anderen Gründen: Außer ein bisschen Echolette und Dynacord gab’s einfach nix. Und in den überladenen Ford – Transit – Bus, mit dem findige Musicshopbesitzer einmal monatlich aus England MM – Mischpulte, WEM Copicats und Celestionlautsprecher nach Deutschland karrten (zum fairen Aufpreis von, sagen wir mal, 300 Prozent), passten nicht auch noch große schwarze Kisten.
    Heute hingegen dürfte es auch der enthusiastischste Bastler schwer haben, gegen CNC – gesteuerte Fräsautomaten auf Dauer zu bestehen. Das geht weder über den Preis, noch über Qualität.

    Der „moderne Anspruch an die professionelle Technik“ wiederum relativiert sich anhand von Vorverkaufszahlen oft erstaunlich schnell.

  • Versteigerung der Firma Stagepoint / Kassel

    • billbo
    • 10. Oktober 2005 um 22:24

    Wer Aktien kauft, tut dies auf eigenes Risiko. Von 100 „Gelegenheitstradern“ gewinnt auf Dauer einer (1!). 99 verlieren.

    Die Unternehmensform „AG“ eines potentiellen Kunden/ Auftraggebers/ Geschäftspartners bietet mir allerdings einen wichtigen Vorteil: Quartalsberichte, Jahresabschlussbilanz und der Verlauf des Aktienkurses können sehr hilfreich sein bei der Entscheidung, ob eine Geschäftsbeziehung über den Modus „Vorkasse“ hinaus - oder gar überhaupt – Sinn macht.

    Schade ist eine Firmenpleite immer. Und zwar mitunter erheblich mehr für die betrogenen Gläubiger als für die Inhaber.
    Die in manchen konkreten Fällen wenig überzeugend wirkende Kollegentrauer wird verständlicher, wenn man sich einmal kurz Gedanken über generelle Entwicklungen in unserem Geschäftsfeld macht:

    Über lange Jahre hinweg bewegte sich unsere Branche in einer Art verspätetem Gründerjahre – Wirtschaftswunderland – Stadium. Vor Aufkommen der elektronisch verstärkten Musik gab es sie eigentlich gar nicht; das Maß der Dinge in punkto mobiler Beschallung waren die Philips – Tonsäulen der örtlichen Tanzschule und ein paar merkwürdige, aus dem Rundfunkbereich stammende ältere Herrschaften, deren Telefunkentrichter – bestückte Lautsprecherwagen auf politischen oder gewerkschaftlichen Großveranstaltungen zu bestaunen waren. (Die jedoch, das sei nebenbei neidvoll angemerkt, werden bzgl. Wirkungsgrad und Sprachverständlichkeit wohl kaum je zu toppen sein).
    Aus diesem paradiesischen Umfeld heraus, in dem praktisch alles erst noch ausprobiert und erfunden werden musste, ließ es sich lange Zeit hervorragend und mit viel Spaß arbeiten und wirtschaften. Begeisterungsfähigkeit, Einsatzbereitschaft und Erfindungsreichtum brachten schnell schöne Erfolgserlebnisse.
    Für jede gute Idee gab es sofort eine Realisierungsmöglichkeit, jedes gute (und auch weniger gute :D) Produkt fand umgehend einen Abnehmer, vielen zahlungswilligen Kunden standen wenige „Freaks“ gegenüber, die etwas von der Sache verstanden (oder die das wenigsten vorgaben). Legendenentstehungszeit.8)
    Mit der Zeit entwickelte sich so aus einem Konglomerat von Bastlern, Technikern, Tüftlern, Musikern, Szenevögeln, usw. eine beachtliche Anzahl von scheinbar gesunden mittelständischen Unternehmen rund um den Bereich „Herstellung, Betrieb, Verkauf und Vermietung von Beschallungs – und Beleuchtungsanlagen“.
    Häufig aus dem direkten Umfeld gerade angesagter Rockbands; man denke dabei etwa an Genesis + Varilite, Pink Floyd + Britannia Row, Scorpions + Rocksound, oder, jenseits des eisernen Vorhangs, Omega + Omega-PA. Alles entwickelte sich gesund und quasi von alleine; wer gut arbeitete, kam auch gut zurecht. Normen und Regeln gab es nicht (oder waren weitestgehend unbekannt); nicht einmal das Wort „Veranstaltungstechnik“ existierte (ich erinnere mich noch gut an den strengen Blick des Verwaltungsbeamten, dem ich bei meiner Gewerbeanmeldung stotternd klarzumachen versuchte, womit ich da eigentlich meinen Lebensunterhalt zu verdienen beabsichtigte).

    Und, wunderschön und ganz wichtig: Sehr lange interessierte sich kaum jemand von ausserhalb dieser Szene für die immer etwas ungewaschen wirkenden, boxenschleppenden „Bekloppten mit ihren Urwaldmusikkisten“.


    Genau das änderte sich (bedauerlich, aber unvermeidlich), als aus dem Ganzen eine laute, bunte, mit ihrer Verbindung zu Stars und Sternchen nach außen hin so schön glänzende Showbranche geworden war. Nun erschienen vermehrt andere Akteure auf der Bildfläche: Berufssöhne mit abgebrochenem BWL – Studium, Rotlichtbarone mit Drang zu Alternativen, „Geldadel“ mit Anlage – und Abschreibungsbedarf. (Außerdem Normenerfinder, Berufsbeamte, Kontroll – und Verwaltungsfanatiker; aber das ist ein anderes Thema).
    Egal, ob Papas Erbe verbraten, Überschüsse aus „Mona’s Dominantem Privatstudio“ gewaschen oder die Steuerberatungskanzlei mit einem geeigneten Abschreibungsprojekt beruhigt werden musste: In einen mittlerweile ausgereizten, recht begrenzten Markt floss mit einem Male sehr viel fremdes Kapital, und „Produktionsfirmen“ (so nannte man das jetzt) entstanden wie Sand am Meer. Die erste geschäftliche Entscheidung hieß jetzt nicht mehr „ich werde mir demnächst mal eine Stichsäge leisten, damit ich diese blöden 12“ – Löcher nicht mehr mit der Laubsäge in die 30mm – Spanplatten – Schallwände würgen muss“, sondern eher „geht erst der Scheck für den XL4 raus, oder doch der für den 911er der Geschäftsleitung. Und welche Lederausstattung?“

    Und all das schöne Geld – das ja nicht einmal gewinnbringend arbeiten musste – führte unsere idyllische Branche sehr schnell in die Situation, mit der wir heute klarkommen müssen: Die zur Verfügung stehenden Materialmengen am Markt explodierten in dem Maße, wie die damit erzielbaren Erträge implodierten. Wirtschaftlich sinnvolles Agieren und Investieren ist nur noch in Ausnahmefällen möglich; viele, die das nicht rechtzeitig erkannten, wirtschaften von der Hand in den Mund, sind eigentlich längst pleite, und werden als persönlich haftende Einzelunternehmer/ GbR - Inhaber/ Personengesellschafter mit viel Glück vielleicht mal Null – Null aus der Sache rauskommen.

    Und damit sind wir wieder am Ausgangspunkt: Es tut weh mit ansehen zu müssen, wenn ein alter Kämpfer, der 30 Jahre oder mehr alles gegeben hat, seine Rolltore schließen muss (und fortan auf unabsehbare Zeit mit dem nicht pfändbaren Existenzminimum und ein paar Gnaden – Schwarzjobs klarkommen wird). Auch dann, wenn man den früher gelegentlich mal gehasst hat. :D


    In anderen Fällen hält sich mein Bedauern dagegen in ganz, ganz engen Grenzen.

  • Versteigerung der Firma Stagepoint / Kassel

    • billbo
    • 6. Oktober 2005 um 22:54

    Hmmm. Ist doch irgendwie immer das gleiche Spiel, mit diesen plötzlich wie aus dem Nichts auf den Markt polternden Überflieger – Supi – Dupi – Companies. „Ab jetzt alles doppelt so gut und halb so teuer“: Wenn Papis Kohle dann zum drittenmal verzockt ist, und der alte Herr wirklich auf gar keinen Fall mehr nachschiessen mag, ist über kurz oder lang Schicht im Schacht.

    Dabei niemals vergessen: Das Material mit echtem Marktwert gehört rechtzeitig in die Auffanggesellschaft. Oder wenigstens eingetragen auf den Namen der Lebensgefährtin.
    So `nen Pro 04 und ein paar „Plackboxen“ kann man dann ruhig mal dem Insolvenzverwalter überlassen. Will ja auch leben, der Mann.

    Ich frage mich schon lange, ob das nur in unserer Branche so ist.
    Ich glaube, eher nicht. :(

  • Feedback zwischen den Songs

    • billbo
    • 6. Oktober 2005 um 22:38

    Guten Tag, bin neu hier, aber schon etwas älter. Bei einer so interessanten Fragestellung möchte ich auch ein wenig mithypothetisieren.

    Bei unserem System „ Beschallungsanlage im Raum“ handelt es sich - nüchtern betrachtet – um einen gemischten elektromechanischen Schwingkreis. Auf dessen eigentlich simplen elektronischen Teil haben wir (mit Hilfe von Gainreglern und Phasendrehschaltern) unmittelbaren Einfluss; der mechanisch – akustische Teil (Halle, Bühne, Gegenstände, Musiker, Publikum....) hingegen ist mit all seinen beweglichen und unbeweglichen Reflektoren, Resonatoren, Absorbern, Wandlern, etc. eine so hochkomplexe Angelegenheit, dass er sich nicht nur unserem willkürlichen Einfluss entzieht, sondern in weiten Teilen auch unserem Verständnis.

    Weil’s Spaß macht und hin und wieder sein muss, fahren wir, fernab von öden VGBs, VstättVs und TA-Lärms, mit unseren kostspieligen PAs in der Praxis gerne mal ein richtig schönes Brett. Der dazu notwendige Verstärkungsfaktor bewegt uns dabei irgendwann auf den Selbsterregungspunkt unseres gemischten Schwingkreises zu, ab dem er gerne das tun möchte, wofür sein Name steht, nämlich schwingen, und um den es in der Problemstellung geht.

    Nun ist so ein Grenzzustand eine hochsensible Angelegenheit, und schon die kleinste Störung behindert unseren Schwingkreis empfindlich bei seiner Arbeit: Die Gitarristen grätschen wild auf der Bühne umher, der Sänger surft mit seinem Mikro quer duch Wellenberge und - täler, der Schlagzeuger bearbeitet hingebungsvoll seine Trommeln (und verändert dabei ständig deren Resonanzfrequenz) und Becken (und bewegt damit Reflektoren im Raum), die Background – Sängerinnen tanzen anmutig hinter ihren Mikros (und schatten diese dabei mal ab, mal auch nicht), die Schallwandler müssen lautstark jede Menge andere Frequenzen neben unserer Schwingkreis – Resonanzfrequenz übertragen (und modulieren diese dabei ständig in Frequenz und Amplitude), das Publikum tanzt Walzer oder Pogo (und verändert damit fortwährend Raumresonanzen und deren Dämpfung), usw., usw. Kurzum: Unser Schwingkreis hat’s schwer. Und wir auch, weil wir zwar ahnen, aber zu keiner Sekunde wirklich verstehen, was da elektroakustisch im Einzelnen so alles passiert.

    Nun hat die Band Spielpause. Der Sänger sucht sein Bühnenwasser und hat sein Mikro genau in der Mitte der Bühne geparkt. Der Schlagzeuger gibt Ruhe und dreht sich ein Zigarettchen. Die Gitarristen haben sich in den Bühnenhintergrund zu ihren Stimmgeräten verdrückt. Die Sängerinnen werden beim nächsten Song nicht gebraucht und sind zwecks Outfitwechsels in Richtung Garderoben verschwunden. Das Publikum hat Tanzpause. Die Schallwandler sind in Ruhestellung und können sich auf ihre eigentliche Aufgabe im Schwingkreis konzentrieren.

    Außerdem haben wir diesem in der Zwischenzeit noch ein wenig geholfen: Die Backingvocals mussten noch so einen Tick mehr nach vorne, die Gitarren in der nun gut gefüllten Halle „untenrum“ ein klein wenig runder; der komprimierte Sänger brauchte für die leisen Stellen doch noch eine Portion mehr Gain; überhaupt konnte das Ganze erst einmal noch so zwei, drei, vier dB lauter. Und auch der Monitormann hat auf die hilfesuchenden Blicke seiner ihm anvertrauten Musikanten außer mit verständnisvoll lächelndem Nicken hin und wieder doch auch mit einer mehr als nur vorgetäuschten Reglerbewegung reagiert.

    Und jetzt endlich kann er ungestört arbeiten, unser „auf der Kippe“ stehender Schwingkreis. Und macht sich als solcher bemerkbar.

    So oder ähnlich stelle ich mir das vor. Und vermutlich ist alles noch seeehr viel komplizierter. Schließlich gibt’s ja nicht nur EINEN potentiellen Schwingkreis mit EINER möglichen Resonanzfrequenz, sondern deren unendlich viele verschiedene....

    Zum Glück gibt's Muteschalter. ':-D'

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