Es ist zwar nicht mehr ganz aktuell, aber gerade recherchiere ich im Internet dem Unfall beim Karneval der Kulturen 2003 hinterher, und vielleicht helfen die folgenden Zitate, das Problembewusstsein zu erhöhen:
Zitat von "Berliner Morgenpost"Alles anzeigenKulturkarneval endet in Tragödie
Sturmböe reißt Gerüst um - Drei Besucher lebensgefährlich verletzt - Veranstaltung abgebrochen
Von Michael Behrendt, Tanja Laninger und Corinna Schlag
Nur noch ein Trümmerhaufen: das zusammengestürzte Portal. Es begrub eine feiernde Menschenmenge unter sich. Drei Besucher des Festes wurden dabei lebensgefährlich verletzt. Die Kriminalpolizei hat die Konstruktion inzwischen beschlagnahmt
Foto: EnglerDer Boden ist sauber gekehrt. Nur das weiß-rote Absperrband und helle Schleifspuren lassen noch ahnen, dass hier ein furchtbares Unglück passiert ist. Hunderttausende Menschen kamen seit Freitagabend vom Mehringdamm kommend durch das elf Meter breite und 5,5 Meter hohe Eingangstor auf das Straßenfest zum Karneval der Kulturen am Blücherplatz - Berlins besucherstärkstes Volksfest neben der Love Parade. Viele spazierten auch noch hindurch, als der Veranstalter, die Werkstatt der Kulturen, die Händler längst schriftlich vor dem Unwetter gewarnt und das Fest um 21.04 Uhr für beendet erklärt hatte.
Zu spät - eine Minute darauf passiert das Schreckliche: Eine Sturmböe erfasst das Portal und schleudert es auf eine Menschenmenge. Ein Mann und zwei Frauen werden lebensgefährlich verletzt. Die Veranstalter sagen das Fest auch für Montag ab. Die Kriminalpolizei hat die Konstruktion inzwischen beschlagnahmt und eine Untersuchung angeordnet. In deren Mittelpunkt wird wahrscheinlich die Gerüstbaufirma stehen. Berlins Feuerwehrchef Albrecht Broemme: "Wenn ein solches Gerüst zusammenbricht, ist es wahrscheinlich falsch aufgebaut worden. Wir haben bereits vor Jahren mit der Gerüstbauer-Innung über einstürzende Konstruktionen bei Sturm gesprochen. Deren Erfahrung ist, dass oft Fehler beim Aufbau gemacht worden waren. In diesem Fall war es anscheinend die unglückliche Verkettung von zu geringer Befestigung und einer starken Windlast, obwohl am Sonntag nur acht Stärken gemessen wurden."
Auch Omür Akbas, ein Cousin des schwer verletzten 29-jährigen Mannes, wundert sich: "Als Dachdeckergehilfe arbeite ich oft auf Baustellen und klettere auf Gerüste. Als ich auf dem Straßenfest war, fiel mir am Eingangsportal auf, dass es nur mit knapp ein Meter hohen Gewichten gesichert war. Es gab keine Befestigung am Boden."
Vielleicht konnte das Gerüst deswegen "doppelt so hoch wie eine Straßenlaterne" fliegen, wie es der Augenzeuge Peter Jänsch (49) beschreibt. Der Potsdamer Fotograf Rainer Raeder (45) war zwei Minuten vor dem Unglück noch durch das Tor gelaufen. Mit ungutem Gefühl: "Ich habe gesehen, dass es wackelt und einen Polizisten darauf aufmerksam gemacht, ob man es nicht besser sperren sollte. Er hat nur mit den Achseln gezuckt."
Raeder geht weiter - und hört es hinter sich krachen. "Es war ein jämmerliches Chaos. Menschen lagen am Boden, von Eisenstangen getroffen. Halbe Stände wurden weggeweht." Auch Händler monieren, dass sie sich uninformiert und hilflos gefühlt hätten. "Wir konnten erst nach drei Stunden den Platz verlassen", sagt Beatrix Gräfe-Pfeifer. Raeders Kritik fällt noch schärfer aus: "Es hat zwanzig Minuten gedauert, bis die Notärzte eintrafen, obwohl wir sie angerufen hatten und der Unfallort gut zugänglich war."
Zitat von "Berliner Zeitung"Alles anzeigenEingeständnis mit Folgen
Schon das dritte Jahr stand das Gerüst auf dem Karneval der Kulturen ohne Genehmigung
Das Gerüst, das auf dem Karneval der Kulturen drei Menschen unter sich begraben und schwer verletzt hatte, war entgegen bisheriger Aussagen doch genehmigungspflichtig. Das bestätigten gestern der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne), die Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer (PDS) und der Geschäftsführer der Werkstatt der Kulturen, Andreas Freudenberg. Schon in den vergangenen zwei Jahren sei das 11 Meter breite und 5,50 Meter hohe Gerüst ein Eingangsportal für das Straßenfest gewesen - ebenfalls ohne je von der Bauaufsicht geprüft worden zu sein.Nach dem tragischen Unfall am Pfingstsonntag habe man, so Schulz, beim Gerüstbauer, der Weddinger Firma Tisch, nachgefragt. "Den Unterlagen konnten wir entnehmen, dass das Gerüst genehmigungspflichtig ist." Bislang hatte selbst die Bauaufsicht, die Schulz untersteht, vermutet, dass das Gerüst keiner Genehmigung bedurfte. Allenfalls die Planen, die das Gerüst schmückten, hätten möglicherweise eine bauaufsichtliche Prüfung erfordert, hatte Bernd Cachandt, stellvertretender Amtsleiter der Bauaufsicht noch am Dienstag gesagt. Sie könne die Statik des Gerüsts negativ beeinflusst haben.
Nie sei es aufgefallen, so Schulz, dass die Werkstatt der Kulturen in den vergangenen Jahren keinen Bauauftrag gestellt habe. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist Mitveranstalter des Karnevals. Auch Freudenberg sagte, man habe von der Genehmigungspflicht nichts gewusst. Verantwortlich für solche Anträge sei allein der Gerüstaufsteller, lautete die einhellige Meinung bei der Pressekonferenz. Er hätte die Vorschriften kennen müssen. Nach wie vor äußert sich die Firma Tisch nicht zu den gegen sie erhobenen Vorwürfen.
Eine ortsangepasste Gerüstlösung nannte Schulz die Konstruktion für die Portale in verklausuliertem Amtsdeutsch. Sie erfordere eine Genehmigung. Damit wollte er sagen, dass allein die Tatsache, dass ein Künstlerkollektiv eine Umhüllung aus Planen, Kunststoffvögeln und Pflanzen angebracht hatte, ein Fall für eine bauaufsichtliche Prüfung gewesen sei. Jedoch sei die Werkstatt der Kulturen immer ein verlässlicher Partner des Bezirksamtes gewesen, so Schulz, und nie habe er einen Anlass gesehen, Mitarbeiter dort hinzuschicken, die nicht genehmigungspflichtige Zustände aufspüren. Auf die Nachfrage eines Journalisten, ob diese riesigen, in allen Medien sichtbaren, Portale niemandem in der Bauaufsicht aufgefallen seien, antwortete Schulz, er selbst sei in diesem Jahr das erste Mal seit langem auf dem Straßenfest gewesen und die Amtsleiterin der Bauaufsicht meide große Menschenansammlungen.
Ob nun das Gerüst selbst fehlerhaft montiert war oder erst die Gerüstverkleidung zum Unfall geführt hatte, prüft nun das Landeskriminalamt. Brandexperten, die auf solche Fälle spezialisiert sind, haben die Ermittlungen übernommen. Seit Mittwoch werden Mitarbeiter der Gerüstbaufirma sowie die Veranstalter und Zeugen des Unglücks befragt. Unabhängige Sachverständige, die vom Gericht als Gutachter bestätigt sind, werden die Metallteile in den kommenden Tagen untersuchen und die mögliche Einsturzursach ermitteln. Wann mit ersten Ergebnissen zu rechnen ist, konnte niemand sagen.
Alles keine tröstlichen Aussagen für die zum Teil Schwerstverletzten. Andreas Freudenberg dementierte, dass Angehörige der Opfer Anzeige gegen die Veranstalter gestellt hätten. "Uns liegt nichts vor", sagte er. Cornelia Reinauer berichtete, dass sich der Zustand der Opfer stabilisiert habe. Die 23-jährige Türkin habe eine fünfstündige Operation über sich ergehen lassen müssen, auch der 46-jährigen Charlottenburgerin stünden noch mehrere Eingriffe bevor.
Der tragische Unfall habe seine Behörde für zukünftige Großveranstaltungen sensibilisiert, sagte Schulz. Er selbst sei ein Befürworter bauaufsichtlicher Tätigkeiten. Doch künftig werde diese Stelle eine immer marginalere Rolle spielen und die Verantwortung auf Architekten und Bauherren liegen. Auch dies sind keine allzu beruhigenden Aussichten.
CLOSE UP TV Nun wird es von Sachverständigen untersucht - das Gerüst, das drei Menschen unter sich begrub. Und das die Bauaufsicht nie geprüft hat.
ZitatAlles anzeigenGeneralstaatsanwaltschaft Berlin
- Der Pressesprecher -
Pressemitteilung
Nr.: 18/2004
Anklage wegen Gerüsteinsturz beim Karneval der Kulturen
Der Einsturz eines Gerüstes beim „Karneval der Kulturen“ im Juni 2003 hat ein Nachspiel vor dem Strafrichter. Die Staatsanwaltschaft Berlin hat Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen den verantwortlichen Gerüstbauer erhoben.
Der 48 Jahre alte Uwe T. soll bei der Planung und Errichtung des Gerüstes „Südamerikator“ übersehen haben, dass das Gerüst aufgrund der vorgesehenen Verkleidung nicht mehr standsicher war. Dadurch sei das Gerüst nicht schwer genug gewesen, um ungünstigen Wetterbedingungen stand zu halten. Dies hätte der Angeschuldigte vorhersehen können.
Das Gerüst war am 8 Juni 2003 kurz nach 21.00 Uhr von einer Windböe erfasst worden und umgestürzt, wobei mehrere Passanten zum Teil schwer verletzt wurden.Der zuständige Strafrichter beim Amtsgericht Tiergarten prüft nun die Eröffnung des Hauptverfahrens und setzt gegebenenfalls einen Termin für die Hauptverhandlung fest.
Soweit die Ermittlungen sich auch gegen die zuständigen Mitarbeiter des Bezirksamtes und die Karnevalsveranstalter gerichtet hatten, wurde das Verfahren eingestellt, da eine Mitverantwortung am konkreten Geschehen nicht angenommen werden konnte.
Michael Grunwald
Staatsanwalt
ZitatStrieder, Senator für Stadtentwicklung: Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! ...
Das möchte ich einmal anhand des fürchterlichen Unfalls, den wir bei dem Karneval der Kulturen erlebt haben, verdeutlichen, bei dem das Gerüst zusammengebrochen ist und drei Menschen schwer verletzt hat. Die erste Frage von vielen war, wer das genehmigt hat. Das ist nicht mehr zu genehmigen. Das ist genehmigungsfrei. Wenn wir deregulieren wollen, wenn wir weniger Genehmigungen haben wollen, wenn wir weniger Bürokratie haben wollen, müssen diejenigen, die solche Dinge aufbauen, auch die Verantwortung dafür tragen. Das muss klar sein. Es kann nicht so sein, dass sich die Behörden zurückziehen, deregulieren, mehr Freiheit geben und am Ende doch für alles verantwortlich sind, was schiefläuft. Mehr Freiheit heißt auch mehr Verantwortung für den Einzelnen.