„NO DIGITAL CONSOLE, PLEASE“. Als ein Vertreter der notorisch konservativen, schon etwas älteren R&R Mischerfraktion, dem schon die Ebenen eines PCM 70 immer ein wenig suspekt erschienen waren, hatte mich dieser kleine Zusatz in meinen Bühnenanweisungen bisher weitestgehend erfolgreich vor der Konfrontation mit solcherlei mir feindlich gesonnenen digitalen Ungeheuern bewahrt. Jedoch – die Erde dreht sich weiter, Tourneen haben ihre eigenen Gesetze, und neulich, eines Tages, in einem großen, berühmten Club in einer großen, berühmten spanischen Stadt, war es dann so weit: sold out – kein Platz – PM5D oder garnix; BillBos Bedenken waren da, hm, nennen wir es mal, unmaßgeblich.
Nun gut; der freundliche spanische Betreuer radebrechte genügend englisch, um mir zumindest die Basisfunktionen ausreichend nahebringen zu können; nach etwa 30 experimentierfreudigen Minuten sah ich mich durchaus in der Lage, mit der leicht angenervten Backlinecrew (Band soundcheckt selten, Star nie) einen - wenn auch zunächst ungewöhnlich langatmigen – nachmittäglichen Basischeck durchzuführen.
Prima, so ein Gerät: kurze Wege, keine knacksenden Schalter, wackelige Inserts, in Kniehöhe unbeleuchtet und unerreichbar installierte Peripherie, in weiter Ferne am Pulthorizont montierte Gainpotis; und mein ausdrücklich bestelltes D2 sowie analoger Terzbandeq. waren auch am Start. Eigentlich alles überraschend einfach.
Jedoch, wie schon gesagt, Tourneen entwickeln mitunter ihre Eigendynamik. Bei dieser ergab es sich, dass der nagelneue „Coach“ – Nightliner des Co – Headliners mit Hydraulikschaden irgendwo in Spanien verschollen war und auf jeden Fall, wenn überhaupt, erheblich verspätet eintreffen würde. Die Notfallpläne wechselten halbstündlich; am Ende schlug der freundliche spanische Frontplatzbetreuer vor, mein bereits narrensicher abgespeichertes Soundcheckergebnis in eine zweite Bank zu kopieren. Aufgrund ähnlicher Besetzung könne der Kollege der verspäteten Fraktion dann gefahrlos mit meinem Setup anfangen, und ich hätte danach die Wahl, ob ich seine Veränderungen übernehmen wollte oder lieber wieder mit meinen „Leere-Halle-Voreinstellungen“ beginnen würde.
Na klar, prima Idee. Cool, so ein Digitalpult. Auch die Vorgruppe könnte ich so ja prima verarzten. So machen wir das.
Einlaß 19:00, erste Band 19:30, strikter Curfew.
Um 19:20 +++ erscheint ein puterroter, fürchterlich stammelnder Frontplatzbetreuer im Catering. „So very sorry, made a very a very a big a mistake.“
???
Ein fertig gespeichertes Setup in ein leeres weiteres zu kopieren – scheinbar überhaupt kein Problem.
Ein leeres Setup in ein bereits fertig gespeichertes zu kopieren – leider scheinbar auch überhaupt kein Problem.....:?
Zum Introstart mit einem, bis auf die Gains, komplett genullten, völlig unbekannten Digitalpult loszulegen, bei dem man gerade erst die Gundfunktionen verstanden zu haben glaubt – zumindest eine interessante Erfahrung. Gewissermaßen bilaterale Jungfräulichkeit.
Für den fröhlich – freundlichen finnischen Supportact lief’s daher an diesem Abend zu Beginn auch ein wenig zäh.
Genau so hatte ich sie mir stets vorgestellt, die perfekte digitale Welt.
Mit freundlichem Gruß
BillBo
P.S.: Danke fürs Lesen.
P.P.S: In meiner nächsten BA steht „gerne auch PM5D“ ![]()