Das menschliche Gehirn gewöhnt sich sehr schnell (soll heißen: binnen Sekunden/ Minuten) an jede Klangfarbe/ Geräuschkulisse der Umgebung, sofern diese nicht in krassem Widerspruch zu anderen Sinneseindrücken zu stehen scheint oder auf andere Weise immer wieder irgendwelche Alarmschwellen überschreitet. Danach klingt es nicht mehr warm, seidig, grell, verwaschen, dünn, rund, ... sondern – normal. Nach einigen Sekunden wenden sich die grauen Zellen wieder wichtigeren Aufgaben zu, und nur ein geringer Teil beschäftigt sich noch routinemäßig mit der Auswertung der eingehenden Meldungen aus dem Hörapparat.
Trotzdem empfinden wir den Klang von (elektroakustisch übertragener) Musik oder Sprache nach längerer Zeit manchmal als ziemlich ermüdend, manchmal hingegen überhaupt nicht. Warum ist das so?
In Hi End und Röhrenforen wird darüber endlos diskutiert, und dabei geht es oft ziemlich hoch her :D. Ein dort oft genannter und für mich einigermaßen nachvollziehbarer Konsens lautet etwa wie folgt:
Das Gehirn empfindet zusätzliche Artefakte (die bei JEDER elektroakustischen Reproduktion von aus der Natur bekannten oder abgeleiteten Geräuschen entstehen) so lange bis zu einem gewissen Grad als problemlos oder sogar als angenehm, wie es diese als passend zum Original einzuordnen vermag. Das ist z. B. der berühmte K2/ 4/ 6 (also die ganzzahligen Obertöne) von Röhrenschaltungen im Gegensatz zu K3/ 5/ 7 bei Halbleitern. Das kann aber auch der stimmig zum musikalischen Geschehen eingestellte/ arbeitende Kanal – oder Summenkompressor sein. Genau so der behutsame Zusatz von Rauminformationen (Erstreflektionen und Diffusanteil guter Hallprogramme), ein simples taktrichtig getaptes Delay, oder ein Laufzeiteffekt aus dem Bereich Chorus/ Pitch/ Flanging, den das Gehirn als schlüssig dem Original zuordbar empfindet. Auch das Verhalten bestimmter Gitarrenverstärker/ - Lautsprecherkombinationen im Grenzbereich wäre hier zu nennen, ähnlich wie auch der bis zu einer bestimmten Stärke als angenehm empfundene frequenzabhängige Sättigungseffekt bei der elektromagnetischen Tonaufzeichnung.
Auf der anderen, ermüdend wirkenden Seite steht alles, was das Gehirn als ‚unpassend‘ zum Original klassifiziert. Zu viele Obertöne im Verhältnis zu den Grundtönen. Die unganzzahligen Oberwellen von Halbleitern. Alles was rythmisch nicht mit dem Geschehen harmoniert oder nicht zu harmonieren scheint (falsch eingestellte, pumpende Dynamics, ungeschickt gewählte Delayzeiten). Sich widersprechende, künstlich erzeugte Rauminformationen. Alles, was ‚statisch‘ im Klangbild verharrt, wie schmalbandige Überhöhungen/ Resonanzen und abrupte Phasen -/ Laufzeitänderungen von Lautsprecherkombinationen, in guter Absicht per Kanalklangregelung hinzugefügte ‚Betonungen‘ bestimmter Frequenzbereiche einzelner Instrumente, oder gar externe technische Störsignale (Netzbrummen oder dessen Obertöne, hörbares Rauschen). (Die schmalbandigen ‚Ver’färbungen einzelner Instrumente – deren Klangfarbe - sind dagegen unkritisch, weil sie sich mit eben dem musikalischen Geschehen ständig ändern). Aber auch übermäßige technische Perfektion gehört dazu: seit Jahrhunderten streitet man sich über die ‚richtig‘ temperierte Stimmung, regelmäßig wiederholte ‚perfekte‘ Samples sind schon lange verpönt, und es ‚rockt‘ oder ‚grooved‘ genau dann, wenn alle fast perfekt zusammenspielen – aber eben nicht ganz perfekt.
All das geschieht wohlgemerkt im Hintergrund, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Aber es ist entscheidend dafür, ob wir den Klang (einer wie auch immer zusammengesetzten/ bedienten Kombination diverser elektroakustischer Geräte) auf Dauer als warm, räumlich, seidig, transparent empfinden – oder aber als wahlweise dumpf, grell, blechern, sprich unnatürlich wahrnehmen.
Zuhause höre ich Radio (also gemischtes Programmmaterial aus Sprache und Musik) mit einem tip top abgeglichenen Telefunken Concertino, Jubiläumsmodell 1953. Um einiges älter als ich; ein Jahr später wurden ‚wir‘ zum erstenmal Fussballweltmeister. EL84 Eintaktendstufe, Sprechleistung 5 Watt. 20cm ‚Tigges‘ Alnico - Breitband + Hochtöner (mit immerhin einem Kondensator als Frequenzweiche; neudeutsch heißt das 1 1/2 Wege. Frequenzgang? Na ja, auf Achse zwischen 100 Hz und knapp 10 kHz sogar einigermaßen gerade, habe ich mal nachgemessen. Klirrfaktor? Keine Ahnung, die Promilleskala wird man sicherlich nicht bemühen müssen. Stereo? Pipifax, kam 10 Jahre später in Mode.
Aber eine der ganz wenigen Verstärker/ Lautsprecherkombinationen, die mich auch nach 20 Std. Dauerbetrieb nicht nerven, ganz egal bei welcher Musik. (Der Vollständigkeit halber: ich kenne auch ähnlich aussehende Kisten, die fangen schon nach 10 Minuten an zu nerven).
Ich warte demnach auf das Digitalpult auf Röhrenbasis. ![]()
Mit freundlichem Gruß
BillBo