Frequenzgang von Amplitude und Phase, als EIN 3D-Objekt.
Ich habe schon öfter bemerkt, dass vielen Studenten aber auch Ingenieuren und sogar Professoren der Zusammenhang zwischen diesen zwei Teil-Darstellungsformen der selben Materie (der komplexen Übertragungsfunktion) nicht so wirklich anschaulich klar ist. Als Verteter der zweiten Gruppe habe ich auch über zehn Jahre gebraucht, bis ich das *wirklich* zu 100% anschaulich begriffen hatte, mittels folgender eigentlich ganz einfachen Vorstellung:
Basis ist die Darstellung des Amplitudenfrequenzgangs, in der typischen doppeltlogarithmischen Darstellung. Die Frequenzachse wird jetzt jedoch als Achse im 3D aufgefasst, der Betrag als Radius und die Phase als Winkel, also ein System von Zylinderkoordinaten f, r, phi. Damit hat man den kompletten Frequenzganz (mit Amplitude und Phase) als ein Objekt -- eine Folge von (Mess-)Punkten mit f, r, phi --, das IMHO viel anschaulicher ist als die Aufsplitting in zwei 2D-Graphen, und man kann einiges über die Übertragungsfunktion sehr anschaulich daraus ablesen.
Enfache Beispiele:
Allpass erster Ordnung (einfacher RC-Phasenschieber):
Die Linie im 3D des Frequenzgangs bewegt sich komplett auf einer Zylinderfläche (r=const.) aber die Phase dreht sie (asymptotisch) von 0° auf -180°, d.h. die Linie dreht sich im Verlauf steigender f um eine halbe Drehung nach hinten weg, bei w=1/RC gerade eine Viertel Drehung.
Tiefpass erster Ordnung (RC):
Mit steigender Frequenz zunächst wieder (asymptotisch) mit r=const und phi=0. Dann kommt eine Drehung bis -90°, derweil die Linie sich oberhalb f_g einer Kegelfläche mit -6dB/oct annähert.
Quasi-Butterworth-Hochpass 6.ter Ordnung (also ne typische aktiv-BR):
Neeeiiiin, den beschreibe ich jetzt nicht in Worten... aber man kann sich leicht vorstellen, was die Drehung der Linie für Tänzchen aufführt, obwohl doch der Amplitudenfrequenzgang so "schön aussieht". Die Linie macht mit wachsendem f anderthalb volle Umdrehungen! (bei HP und TP scheint die Anzahl der Vierteldrehungen die System-Ordnung zu sein, bei BP/BS die Anzahl der halben Drehungen, die zwischen 0 und unendlich erfolgt)
Was das mit dem Impulsverhalten machen wird, erkennt man da viel intuitiver als bloß mit einem Phasengang allein. Die Gruppenlaufzeit sieht man sogar in einer 1:1 Entsprechung extrem anschaulich, sie wird nämlich anschaulich repräsentiert durch die Länge des Linienstücks pro delta_f -- also in einem Bereich wo Phase die Linie schon für wenig delta_f schnell wegdreht wird das zu durchlaufende Linienstück ganz schnell sehr lang (quasi eine grafische Differentiation). Genaugenommen nicht der Verlauf der Linie direkt, sondern deren Projektion auf einen Zylinder (denn die Amplitude spielt ja keine Rolle)
Und die Projektion entlang der Frequenzachse gibt nebenbei so was ähnliches wie eine Art "Ortskurve", also ein 2D-Diagramm, in dem man direkt sieht welche Bereiche von Amplitude und Phase von der ÜF durchlaufen werden, also die Kopplung von Amplitude und Phase insgesamt.
Für mich ist diese Anschauung im 3-dimensionalen Raum immer eine enorme Hilfe wenn ich es mit Übertragungsfunktionen zu tun haben oder diese jemand erklären soll, z.B. beim Entwurf elektronischer Filter oder auch bei Nachdenken über diverse Konstruktionswege für LS, speziell Subs.
Interessant wäre jetzt z.B. wo und wie man z.B. Minimalphasigkeit darin sofort sehen könnte... ich sage mal, wenn die Gesamtlänge der durchlaufenden Linie auf einer Zylinderfläche (also, wie oben, nicht direkt auf der vorgegebenen Rotationsfläche, d.h. dem Soll-Amplitudengang) am kürzesten wird, eben minimal?
Dann wäre dieser Sachverhalt ja auch sehr schön anschaulich vorstellbar...
Das das jetzt alles genauso mit Messtechnik wie mit LS-Bau zusammenhängt, war ich nicht sicher in welches Brett das soll... (also schiebe der Admin/Mod nach Bedarf).
Grüsse, Klaus S