Aloha,
nachdem ich vor langer Zeit mit dem RCF L8S800 bereits in einer anderen Box arbeitete, dieses Projekt aber verwarf, möchte ich nun zeigen, was ich anstelledessen verwirklicht habe...
Zielstellung war es zunächst, ein wirklich vielseitig einsetzbares Gehäuse zu entwerfen, dazu zähle ich beispielsweise Flugbügelaufnahmen, zwei möglichst steile Monitorwinkel, Hochständerflansch, bodennahe Speakons zum Durchschleifen im Monitorbetrieb... alles Punkte, die eigentlich selbstverständlich erscheinen, am Markt aber leider viel zu selten Berücksichtigung finden.
Desweiteren stand ein höchstmögliche Transparenz bzw. Neutralität in der Wiedergabe im Vordergrund. Tiefgang und besonders hoher Wirkungsgrad waren keine unbedingt zu erfüllenden Zielstellungen.
Einsatzgebiet sind bei uns zumeist Theater-/ Kultur-/ Politikveranstaltungen, wo es neben den erwähnten Eigenschaften zudem auf dezente Optik ankommt - die Größe des Gehäuses wird deshalb besonders kritisch wahrgenommen.
1.) Prototyp #1
Zuerst griff ich zu ein paar Resten aus 18mm OSB und zimmerte daraus ein Gehäuse, welches dem RCF L8S800 in Kombination mit H100 / N350 ein Zuhause geben sollte. Von der Kombination war ich rein messtechnisch allerdings wenig begeistert, zudem erschien mir das Gehäuse für die angestrebte Anwendung doch ein gutes Stück überdimensioniert.
Hier die (teilweise unentschuldbar schlimmen) Fotos, die zumindest die zweckgemäße "Verwertung" des ersten Gehäuses zeigen
:
[OSB brennt ganz ordentlich]
2.) Prototyp #2
Durch Wechsel des Hochtonhorns auf das wesentlich kompaktere RCF HF101 konnte der zweite Prototyp, für den abermals Reste aus Span und MPX herhalten mussten, ein gutes Stück kleiner ausfallen.
Dies entsprach schon eher den gewünschten Abmessungen und konnte zudem mit ansehnlichen Messergebnissen schon eher gefallen, diese folgen:
a.) Tieftöner - F-Gang und Phase auf Achse ohne Glättung; periodenbasiertes Zerfallsspektrum; Abstrahlung 0-90°; elektrische Impedanz
Beim Tieftöner fallen vor allem zwei Resonanzstellen auf. Die erste im Bereich 900-1000Hz scheint relativ gut bedämpft, liegt aber augenscheinlich im sprachsensiblen Bereich und sollte sich daher besonderer Aufmerksamkeit sicher sein. Die obere, wesentlich stärker ausschlagende Resonanz bei ca. 3,7kHz ist insofern unproblematisch, als dass sie durch das Tiefpassfilter ausreichend zu bedämpfen ist. Die Trennfrequenz sollte nicht höher als 2kHz liegen - soweit die Vorüberlegung; die Überprüfung des Hochtöners ist dafür allerdings notwendige Voraussetzung...
b.) Hochtöner - F-Gang und Phase auf Achse ohne Glättung; periodenbasiertes Zerfallsspektrum; Abstrahlung 0-90°; elektrische Impedanz
Der Hochtöner vom Typ RCF N350 zeigt zunächst einmal einen sehr schön ausgeglichenen Verlauf mit einer Resonanzspitze, die bei ~18kHz und somit schon außerhalb meiner persönlichen Hörwahrnehmung liegt. Bei ca. 1,6kHz deutet sich ein verzögertes Ausschwingen an, dies könnte durchaus mit der Spitze der elektrischen Impedanz korrespondieren. Die Trennfrequenz sollte also nach Möglichkeit oberhalb dieser Frequenz erfolgen! Betrachtet man die Abstrahlung der einzelnen Wege im Bereich 1,6-2kHz zusammen, könnte man auch hier vermuten, mit einer steilen Trennung einen einigermaßen gleichmäßigen Verlauf erzielen zu können, auch wenn eine leichte Einengung des Abstrahlwinkels nicht zu vermeiden sein würde. Wieder mal bewahrheitete sich der Auspruch des "stets kompromissbehafteten Lautsprecherbaus"... ![]()
In Folge dessen entwickelte ich mehrere, unterschiedlich abgestimmte passive Frequenzweichen und experimentierte mit Flankensteilheiten sowie tonalen Gewichtungen.
Zwar konnte man durch etwas asymmetrische Auslegung von Hoch- und Tiefpass eine passable Sprungantwort der Gesamtbox hinbekommen, der Phasenversatz zwischen Hoch- und Tiefton war jedoch so nicht in den Griff zu bekommen. Dazu zwei Messungen:
a.) F-Gang und Phase (mit Bezug auf Beginn der Impulsantwort) auf Achse
b.) Impulsantwort
c.) Wege zueinander; 2dB-Skala! (grün = Tiefton; blau = Hochton; rot = resultierende Summe)
Wie man sieht, wird durch die räumlich (...und damit zeitlich!) versetzten Schallquellen im Übergangsbereich reichlich Energie vernichtet! Zudem zeigte die vertikale Abstrahlung in diesem Weichenlayout ein recht unangenehmes Übergewicht im Bereich 2-3kHz; durch eine bessere Phasenlage bzw. Ausgleich des Laufzeitversatzes sollte dieses in der Folge auf den "Punkt" zwischen Hoch- und Tieftöner symmetriert werden. Die Interferenzeffekte in diesem Bereich sind zwar durch die Endlichkeit der Filtersteilheit praktisch unvermeidbar - man kann aber durch eine Symmetrierung (wie beschrieben) dem Tonmann das Leben auch einfacher machen: Ein einmal vernünftig eingepfiffener Monitorwedge bleibt so auch außerhalb des vertikalen 0°-Punktes unempfindlich gegen Feedbacks. Auch dieser Zusammenhang findet zu meinem Leidwesen bei vielen "Industrieprodukten" kaum Beachtung!
3.) Multifunktionsgehäuse 12mm Multiplex
Als nächstes Stand die Anfertigung von zunächst vier Gehäusen mit den gewünschten Ausstattungsmerkmalen auf dem Terminplaner.
Besonders schwierig gestaltete sich das Einfräsen der Chassis bzw. Hörner in die aufgedoppelte (= 24mm) Schallwand.
Dafür belohnte das schöne Wetter durch beschleunigte Verfestigung des PU-Klebers. Ansonsten hilft hier auch ein sparsam eingesetzter Pflanzenbestäuber :).
Hier die dazugehörigen Fotos, man sieht (neben den eher mäßig interessanten Aufbauten an sich) u. A. die mit 50/70° ausgeführten Monitorwinkel:
4.) Frequenzweiche
Die Feinanpassung der finalen Weiche konnte mit den neu aufgebauten Gehäuse beendet werden. Um den beschriebenen Laufzeitversatz auszugleichen und eine vertikale Symmetrierung zu schaffen, wurde eine Weiche mit 24dB-Tiefpass und 12dB-Hochpass entwickelt, die einen akustischen Übergang bei ca. 1,7kHz schafft. Zusätzlich wurde ein passiver Allpassfilter zweiter Ordnung eingesetzt (mehr dazu bei den dazugehörigen Messungen).
Die Planung der Weiche selbst erforderte unter mechanischen Gesichtspunkten den gehäuften Einsatz des Messschiebers bzw. Lineals. Wie man sieht, ist das ganze eine doch recht "knappe" Angelegenheit :-).
Hier die entsprechenden Fotos außerhalb und innerhalb des Gehäuses:
Nun den dazugehörigen...
5.) Messungen - Die Zielstellungen sind bereits mehrfach erwähnt worden, weswegen ich sie hier nicht wiederhole sondern gleich zur Sache komme...
1.) Abstrahlung mit Horn in der 70°-Position, horizontal und vertikal
2.) Abstrahlung mit Horn in der 40°-Position, horizontal und vertikal
3.) F-Gang und Phase auf 0°-Achse; Impulsantwort (vgl. auch mit oben dargestellter Impulsantwort)
4.) weitere Fotos
hier auf dem stativ mit schrägstelladapter:
...und hier in den beiden monitorpositionen. das gehäuse hat einen 50°- und einen 70°-monitorwinkel. das passt für praktisch alle monitoranwendungen, vor allem die besonders steile 70°-position ermöglicht es, dem musiker bzw. sprecher einen monitor wirklich direkt vor die füße stellen zu können.
sinnvollerweise hat die box dafür vier speakonbuchsen, davon je eine auf deckel und boden, um als wedge einfaches durchschleifen zu ermöglichen sowie zwei stück rückseitig auf pulverbeschichteten anschlusspanelen.
die seitlichen m10-gewindeeinsätze sind für einen quer montierbaren flugbügel gedacht. das rückseitige m10-teil nimmt einen safety für die box auf, wenn sie im bügel hängt - auch wenn man bei lediglich 11,5kg gesamtgewicht durchaus mal die kirche im dorf lassen könnte.
die endgültige version mit frontgitter und -schaum sieht dann so aus:
Bis dahin bedanke ich mich für Aufmerksamkeit & eventuelle Hinweise/ Diskussionanregungen,
Fabian