Ausgangslage: Ich habe Boxen und Systemamps von Hersteller A und B im Lager. Perspektivisch soll es nur noch B sein, aber im aktuellen Bestand sind "Top A" und "Systemamp B" das für mich technisch beste, das ich habe - also muss das zusammen spielen.
Ich habe also (naiverweise, wie sich herausstellen sollte) bei Hersteller A nach Limitersettings gefragt. Hintergrund: Amp A ist schon etwas älter und hat keinen RMS-/Thermal-Limiter, Amp B dagegen schon. Ich wollte gar nicht das komplette Preset, sondern lediglich sinnvolle Startwerte für den Schutz der Box.
Die Antwort hat mich etwas überrascht: "Geben wir nicht raus, wir wollen nicht, dass unser Image klanglich darunter leidet, wenn User meinen sich sowas selbst zurechtbasteln zu können".
Was muss ich also tun: mir selbst etwas zurechtbasteln.
Die Limiter habe ich dann zunächst mal konservativ gesetzt. Das tatsächliche Verhalten kann ich an einem neuen Systemamp von Hersteller A elektrisch nachmessen, sollte ich anders nicht weiterkommen.
Was ich will: gleicher Output aus Top A, egal ob Amp A oder Amp B verwendet wird. Ich brauche also erstmal keinen glatten Frequenzgang, ich brauche unter gleichen Randbedingungen das gleiche Ergebnis.
Was ich habe: Bisschen Ahnung, bisschen Messtechnik, Preset-Einstellung aus Amp A.
Was ich nicht habe: Konkrete Praxiserfahrung im Lautsprecher vermessen, Messraum.
Also spät abends im Büro das Top auf den Boden gestellt, Messmikro ca. 0,5 m davor, Amps dahinter, Entzerrung von Amp A auf Amp B übertragen und los. Nicht alle Parameterbereiche sind in beiden Amps gleich, aber irgendwo muss man ja anfangen. Der Raum ist vollgestellt mit Kram, entsprechend ist die Akustik... Kinder schlafen im Nachbarzimmer, laut geht also auch nicht (das nur zur Einordnung der Frequenzgänge unten).
Gemessen wird mit CLIO Pocket, die Rohdaten werden zwecks weiterer Verarbeitung in die KI des geringsten Misstrauens gefüttert.
Die erste Messung zeigt schon einen konkreten Unterschied: die Güte (Q) der Shelf-Filter. Bei Amp A kann ich bspw. Q 6 eingeben, Amp B ist für diesen Filtertyp gedecktelt bei Q 1,25. Ein High-Shelf mit hohem Q senkt nicht nur ab, sondern bildet direkt an der Eckfrequenz einen Überschwinger, also einen Höcker vor dem Plateau. Genau der erzeugt bei Amp A einen anscheinend gewollten Tiefmitten-Boost, den Amp B mit gedeckeltem Q gar nicht nachbauen kann. Erkennbares Ergebnis: Ein Tiefmitten-Berg um 225 Hz und eine Senke in den unteren Mitten. Standardabweichung der Differenz 2,6 dB.
Jetzt beginnt die Iteration, weitere Filter einbauen und neu messen. Zwei Korrekturfilter (Absenkung Tiefmitten, Anhebung untere Mitten). Das war schon ein großer Sprung, Std runter auf 1,0 dB:
Ab hier wurde es eigentlich schon akademisch, aber ich wollte mal schauen, wie gut es werden kann. Ich spare euch einen Zwischenschritt, in der V4 wurde es wieder schlechter. Einen Mittenfilter zu schmal gemacht, Differenz zwischen beiden Kurven wird wieder größer. Wenig überraschend füllt ein schmaler Filter ein breites Loch nicht...
Danach folgten noch zwei kleine Anpassungen, dann war ich erstmal zufrieden (hier jetzt bei 1/3 Oktave):
Das ist wie gesagt kein belastbarer Datenblatt-Frequenzgang der Box, sondern das Ergebnis einer ganz spezifischen, akustisch ganz und gar nicht optimalen Situation. Für meine Fragestellung reicht es aber erstmal als Nachweis, dass sich unter denselben akustischen Randbedingungen mit beiden Verstärkern ein sehr ähnlicher Amplitudengang erzeugen lässt.
Sub-Top-Alignment konnte ich bisher ebenfalls nur unter suboptimalen Bedingungen messen. Eine frühe Reflexion zwingt mich dort zu einer Fensterung, die für eine ordentliche Beurteilung im Übergangsbereich zu kurz ist. Provisorisch funktioniert es, eine bessere Freifeldmessung soll folgen, hoffentlich nächste Woche.
Das Ergebnis ist aktuell also erstmal mindestens brauchbar, im Hörtest gibt es keine dramatischen Auffälligkeiten, aber das Ende der Fahnenstange ist bestimmt noch nicht erreicht.
Die Filterimplementierungen der beiden Amps dürften sich relativ sicher unterscheiden, wobei sich Unterschiede dabei nicht zwingend im Amplitudengang zeigen müssen. Amp B bietet mit FIR-Filtern zudem noch weitere Eingriffsmöglichkeiten.
Jetzt stehe ich also vor folgender Frage, bei der mich eure Einschätzung interessiert:
Welche Dinge sollte ich aus eurer Erfahrung als nächstes prüfen? Es geht mir mehr um eine vernünftige Priorisierung für die Praxis, nicht fürs Labor.
Phase, Lastverhalten unter Pegel, Limitierung - fehlt noch was Wesentliches? Wie würdet ihr messtechnisch vorgehen?