Ich lese (und merke mir!) Deine Beiträge ausgesprochen sorgfältig – weil ich sie schätze. Dennoch gehen sie mir, wie Du weißt, mitunter ein wenig zu sehr an der Praxis vorbei. In der stand ich übrigens kaum je vor dem Problem, Congas laut genug zu bekommen. Wenn überhaupt, dann stimmten dort ganz andere Dinge nicht als die Mikros (oder sie waren kaputt. Ahnst Du, wie vielen ¾ defekten SM57 man als Gastmischer so übers Jahr begegnen kann? Gerne an Percussions - weil, da fällt's ja vielleicht nicht gleich so auf). Sei’s drum.
Unabhängig davon glaube ich eine Tendenz beobachten zu können: es wird heutzutage im Vergleich zu früher ganz allgemein VIEL zu obertonlastig gemischt. Einfach weil’s möglich ist. Kenn ich, auch bei mir, als (eher unwillkürlich angewandte) Notwehrmaßnahme bei zu schlechter Akustik oder zu schlechten Lautsprechern, die nicht in der Lage sind, Mitten sauber wiederzugeben. Erweist sich aber, weil mit zu viel vermeintlich notwendiger Information behaftet, als fatal für die (dauerhafte) Aufnahmefähigkeit des Zuhörers. Der Boah – Effekt, den man nach einer Minute nicht mehr registriert, der aber dennoch Gehör und angeschlossene Datenverarbeitung überlastet. Schönes Selbstexperiment dazu: misch eine halbe Stunde in mäßiger Akustik eine durchschnittlich laute Band. Wenn Du glaubst, dass Du mehr oder weniger fertig bist (ich habe nie den Eindruck, dass ich wirklich fertig bin...) geh raus aufs (im wörtlichen Sinne) stille Örtchen, und bleib dort für einige Minuten. Niemand dreht derweil an den Knöpfen.
Ich schwöre Dir: wenn Du wiederkommst wirst Du entsetzt sein über das, was Du da angerichtet hast. Viel zu laut, viel zu grell.
Nach ein paar Minuten findest Du’s wieder erträglich. Aber Du ahnst – irgendwas stimmt da nicht... und siehst die Ohrstöpsel im Publikum ab da vielleicht mit anderen Augen.
Das liegt meiner Meinung nach (auch und unter anderem!) am inflationär zunehmenden Vorhandensein von zu vielen Kondensatormikros auf viel zu kleinen Bühnen. Ich ziehe daher mittlerweile in viele Fällen wieder 'das olle Dynamische' und den mit ihm in aller Regel einhergehenden früher einsetzenden natürlichen Roll Off ganz bewusst vor. Und freue mich darüberhinaus beim Ereignisse sortieren, dass die digitale Welt bei Bedarf problemlos für jeden Kanal einen Highcut parat hält. Den Luxus gab’s früher eher selten.
Bei wirklich großen Veranstaltungen stellt sich das Problem so im Übrigen nicht. In 70m Entfernung zur PA kann man froh sein, wenn man "obenrum" wenigstens so was wie anständige Mittelwellenqualität hin kriegt.
Habe ich hier schon mal irgendwo erwähnt: ich beschäftige mich gelegentlich mit der Restauration alter (wirklich alter!) Röhrenradios. No highs, no lows. Aber man kann stundenlang vollkommen entspannt zuhören.
Mit freundlichem Gruß
BillBo
:roll: Hin und wieder schraub ich aber auch mal ein sündteures KSM oder 414 ab und ein 57er dran – einfach bloß weil ich mich auf das entgeisterte Gesicht des datenblattgestählten, aber leider etwas nervigen örtlichen Tonschnösels freue. ![]()